Michael Rudolf vor der Bergius-Schule
Rektor Michael Rudolph hat aus einer Problemschule eine gefragte Schule gemacht.
© Anikka Bauer

Deutschlands strengster Schulleiter

Michael Rudolph: Warum vor dem Lernen die Erziehung kommen muss

22. März 2021
Wer sich schlecht benimmt im Klassenzimmer, der hilft anschließend dem Hausmeister und setzt sich gemeinnützig für die Schule ein. Michael Rudolph, bekannt als Deutschlands angeblich „strengster Schulleiter“, beschreibt im KOMMUNAL-Gastbeitrag, warum für ihn vor dem Lernen die Erziehung kommen muss.

Dieser Tage führe ich die Kennlerngespräche mit unseren neuen Schülern und deren Familienangehörigen bei mir im Schulleiterzimmer. Dann sitzen wir zusammen in diesem großen hellen Raum – ein Amtszimmer, der Bundespräsident schaut uns von der Wand zu, es stehen in einem Flaggenständer die bundesdeutsche Fahne und die des Landes Berlin – und ich merke, wie angetan mein Besuch oft ist. Zwar sind wir eine sogenannte Brennpunktschule, die ja häufig keinen guten Ruf haben.

Erziehung wichtig für den Aufstieg

Aber unsere weiterführende Schule vermittelt unseren Gästen schon äußerlich einen freundlichen, gepflegten und damit verlässlichen Eindruck. Was mir viele Eltern dagegen von der bisherigen Schulzeit ihrer Kinder erzählen, lässt sich leider viel zu häufig mit dem Wort „chaotisch“ zusammenfassen: Schülerinnen und Schüler, die in den ersten Schuljahren zu wenig lernen. Lehrmethoden, die innovativ klingen, aber für die Familien kaum mehr nachvollziehbar sind. Heruntergekommene Gebäude, um die sich keiner mehr kümmert. Dinge, die mutwillig zerstört werden. Alles, was diese Eltern sich wünschen, ist, dass ihre Kinder in Ruhe lernen können. In einer anregenden, aber auch sicheren Atmosphäre, die diesen Schülern Halt gibt, die fast nie aus Akademikerhaushalten kommen. Für die der Aufstieg durch Bildung das allerwichtigste Lebensziel ist.

Die äußere Form, auch Regeln und Erziehung sind elementar, damit Schülerinnen und Schüler diesen Aufstieg schaffen. Die Jugendlichen, die zu uns in die Schule kommen, haben oft kein einfaches Leben. Sie brauchen Klarheit, Halt und eine wohlwollende, ansprechende Umgebung, damit sie auch schulisch das Beste aus sich herausholen können. Dieses Credo gilt überall, ob in der Großstadt oder auf dem Lande.

Generation "Corona" - Halbbildung schon jetzt erreicht

In ganz Deutschland sinken die Schülerleistungen seit Jahren, nicht nur in Berlin. Die Corona-Pandemie und der zweifache Lockdown verstärken diese alarmierenden Zustände noch. Doch wer glaubt, dass es erst der Virus sein wird, der eine halbgebildete „Generation Corona“ schafft, der täuscht sich. Diesen Zustand der Halbbildung haben wir oft längst erreicht.

Schülerinnen und Schüler machen, was sie wollen Michael Rudolph
Schule ohne Regeln - wohl kaum ein Erfolgsmodell.



In Schulen sollte es im Kern darum gehen, dass die Schülerinnen und Schüler etwas lernen. Das ist unsere Hauptaufgabe. Jede und jeder sollten bis an ihre Leistungsgrenzen gebracht werden – egal welcher Abschluss am Ende steht. Nach 44 Jahren durchgehend als Lehrer und Schulleiter von Haupt- und Realschulen bin ich fest davon überzeugt, dass fast alle Jugendlichen das Zeug haben, einen Abschluss zu schaffen. Aber dafür müssen wir wieder Lernen und Leistung in den Mittelpunkt stellen und sollten uns auch trauen, viel stärker mit Üben und Wiederholen zu arbeiten. Damit die Basis jeder Bildung sitzt: Lesen, Schreiben und Rechnen. In Berlin zeigten Vergleichsarbeiten an den weiterführenden Schulen – ohne Gymnasium – 2019, dass über die Hälfte der Achtklässler nur auf Grundschulniveau lesen können. Wie bitter das ist, offenbart sich spätestens beim Mittleren Schulabschluss. Zu viele scheitern etwa im Fach Deutsch bei der Prüfung, weil sie es nicht schaffen, die vorgegebenen kurzen Texte in 180 Minuten zu lesen, um die Fragen zu beantworten. Ihr Lesetempo ist schlicht nicht hoch genug.

Warum lernen diese Schüler zu wenig? Weil in vielen Schulen keine Lernatmosphäre aufkommt. Das Problem ist – vor dem Lernen muss die Erziehung kommen. Ohne Erziehung geht es nicht. In viel zu vielen Schulen im Land ist an Leistung kaum zu denken, weil die Schulen selbst aus dem Lot sind.

Es gibt Schulen, da gehen die Heranwachsenden über Tisch und Bänke."

Michael Rudolph, Schulleiter

Nur selten erfährt die Öffentlichkeit davon, von Schlägereien, Verwüstungen der Schule oder des Lehrerzimmers, von Attacken gegen Lehrkräfte. Wenig von dem, was jeden Tag in Deutschlands Schulen passiert, dringt an die Öffentlichkeit. Als ich vor fünfzehn Jahren in Berlin die Bergius-Schule, damals noch eine Realschule, übernahm, kam es gleich nach einer Woche zu einer großen Prügelei unter Schülern im Treppenhaus – am Tag der Offenen Tür.

Hausmeister helfen und sich gemeinnützig einsetzen



Wir haben als Kollegium darauf reagiert, indem wir neben Leistung auch die Erziehung in den Mittelpunkt des Schullebens gerückt haben. Bei uns gibt es klare Regeln. Es wird Wert auf Pünktlichkeit und gegenseitigen Respekt gelegt. Wir sprechen viel mit unseren Schülern, zumal, wenn sie sich falsch verhalten haben. Und solche Dinge haben bei uns Konsequenzen – wer sich schlecht benimmt im Klassenzimmer, wer andauernd zu spät kommt, wer gewalttätig wird, der geht eine Weile dem Hausmeister zur Hand und setzt sich gemeinnützig für die Schule ein. Um danach wieder frisch loszulegen. Gute Pädagogik ist nicht nachtragend; sie sucht die Veränderung und den Neuanfang.

Unsere Schülerinnen und Schüler schätzen diese klare, ruhige Atmosphäre – die Leistungen wurden bald besser, was man an den Abschlüssen erkennt. Bei uns wird wirklich gelernt. In einem alten, ehrwürdigen Schulgebäude, das gut in Schuss ist. Weil alle auf ihre Umgebung achtgeben, die Jugendlichen wie die Lehrkräfte. Davon profitiert auch die Kommune: der Vandalismus an den Schulen geht zurück, die Gewalt sinkt, die Akzeptanz der Schule steigt. So wird die Schulzeit zu einer guten Erfahrung – in jedem Schultyp, an jedem Ort in Deutschland, ob auf dem Dorf oder in einer Millionenstadt.

Michael Rudolph ist Schulleiter der staatlichen Bergius-Schule in Berlin-Friedenau. Als er dort vor 15 Jahren seinen Posten antrat, war die „Bergius“ eine Problemschule. Inzwischen verbucht sie mehr Anmeldungen als sie an Plätzen vergeben kann. Gemeinsam mit der Journalistin Susanne Leinemann hat Rudolph im Rowohlt Berlin Verlag kürzlich ein Buch veröffentlicht: „Wahnsinn Schule. Was sich dringend ändern muss“.