Frauenhaus
Das „Hexenhaus Espelkamp“ in Nordrhein-Westfalen - ein Frauenhaus, das sich nicht versteckt.
© Hexenhaus Espelkamp

Schutz vor Gewalt

Zu wenig Plätze in Frauenhäusern

In vielen Städten und Gemeinden gibt es immer noch zu wenige Plätze für Frauen in Not. KOMMUNAL hat sich bei verschiedenen Stellen umgehört, was das für Folgen hat und was Kommunen tun können, um die Frauenhäuser bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Da sind die Frauen, die von ihren Männern über Jahre hinweg in Keller eingesperrt wurden. Die vor den Augen ihrer Kinder geschlagen wurden, gequält und vergewaltigt. Frauen, die oft jahrelang gelitten haben, ausgeharrt und um ihr Leben gebangt und die schließlich Schutz suchen in einem der insgesamt rund 350 Frauenhäuser in Deutschland. 

So arbeitet das Frauenhaus Passau

Hildegard Stolper engagiert sich in Passau seit mittlerweile über 20 Jahren als Vorsitzende für die Belange des Passauer Frauenhauses und setzt sich intensiv dafür ein, dass dort bedrohte Frauen, egal welcher Herkunft, Schutz finden. Die größte Herausforderung dabei ist die Finanzierung. Aktuell sind im Passauer Frauenhaus 9 Plätze vorhanden, die weitere Arbeit wird von den über 20 Ehrenamtlichen gestemmt.

Die Kosten für die Plätze und das Personal werden zu 50 Prozent vom Staat übernommen, 40 kommen von den jeweiligen Kommunen, aus denen die Frauen stammen, wobei das Einzugsgebiet des Frauenhauses die Stadt Passau, den Landkreis Passau sowie den Landkreis Freyung-Grafenau umfasst. Die restlichen 10 Prozent des Gesamtbudgets müssen vom Frauenhaus selbst aufgebracht werden. Das entspricht pro Jahr 40.000 bis 50.000 Euro. „Das ist eine enorme Summe und jedes Jahr wieder aufs Neue eine Herausforderung, die viel Energie und Zeit kostet, die wir eigentlich für die Frauen bräuchten“, so Stolper. Schließlich platzt das Haus aus allen Nähten und ist seit Jahren immer ausgelastet.

Frauen mussten abgewiesen werden

Die Frauen kommen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen von 18 bis 70. Zwischen 6 Wochen und einem Jahr verbringen sie durchschnittlich im Frauenhaus. „2020 mussten 92 Frauen abgewiesen werden“, erzählt Stolper, und durch die steigenden Fälle während der Corona-Monate habe sich die Lage noch einmal verschärft. Im Einzelfall ist für Stolper klar: „Wenn die Frauen bedroht werden, dann müssen wir sie aufnehmen, ganz egal, wie die formale Lage jeweils ist. Wir tun das natürlich. Aber die Frauen haben eigentlich kein Recht darauf und das ist ein großes Problem.“ Das unterstreicht auch Sylvia Haller von der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser, in der rund 100 Frauenhäuser in Deutschland vereint sind.

Auch aus Sicht von Haller ist die unklare Finanzierung der Frauenhäuser die größte Herausforderung. Immer wieder würde ihr von Kommunen berichtet, die „nur Frauen aufnehmen, die aus der Region stammen. Die Finanzierung ist das eine. Das andere sind die jeweiligen Menschen, die in der kommunalen Verwaltung arbeiten. Manche Kommunen sind ausgesprochen stolz auf ihr Frauenhaus und tun alles dafür, um dessen Arbeit zu stärken. Andere Frauenhäuser haben es wiederum sehr schwer und bekommen kaum Unterstützung. Damit sich dies ändert, sei das Verständnis wichtig, dass Gewalt gegen Frauen und Kinder nur gemeinsam bekämpft und beendet werden kann. Umso mehr sei von Bedeutung, dass kommunale Vertreter und Politiker Einblick in die Realität im Frauenhaus bekommen und ein intensiver Austausch stattfindet über die Lage vor Ort und die täglichen Herausforderungen.

Wichtige Rolle von kommunalen Vertretern

Vertrauen  wünscht sich auch Heike Herold, die als Geschäftsführerin beim Verein Frauenhaus-Koordinierung arbeitet, der 2011 gegründet wurde und 260 Frauenhäuser vertritt. „Die kommunalen Vertreter und Politiker spielen eine große Rolle“, sagt Herold. „Wie gut ein Frauenhaus bei seiner Arbeit unterstützt wird, hängt wesentlich davon ab, welche politischen Schwerpunkte gesetzt werden.“ Als Kriseneinrichtungen, die auf kommunaler Ebene angesiedelt und vernetzt sind, seien die Schnittstellen zur Kommunalverwaltung entscheidend, etwa die Gleichstellungsbeauftragten oder die Sozialamtsleiter, idealerweise unterstützt von politischer Seite. Doch das sei bei weitem nicht überall der Fall.

Längst nicht jeder Landkreis und jede Stadt hat ein Frauenhaus und es gibt immer noch Politiker, die der Meinung sind: Bei uns sind alle vernünftig, wir brauchen sowas nicht.“

Heike Herold, Geschäftsführerin beim Verein Frauenhauskoordinierung

Dabei könnten die Kommunen auch jenseits der finanziellen Unterstützung viel tun, etwa wenn es um die Hilfe bei der Suche nach geeigneten Räumen gehe, um die Gestaltung der Kooperation mit den anderen kommunalen Einrichtungen oder um ganz praktische Aspekte wie eine leicht auffindbare Präsenz auf der örtlichen Homepage. In der Stadt Leipzig ist dies der Fall und der Kampf gegen Gewalt eines der Kernthemen des Bürgermeisters, wie Stefan Adams, der Abteilungsleiter am Sozialamt Leipzig, berichtet. Doch obwohl es mit bislang drei Häusern eine vergleichsweise hohe Dichte an Plätzen gab, kam es trotzdem zu Zurückweisungen von Frauen. Vor kurzem hat deshalb auf Initiative der Stadt ein viertes Frauenhaus in freier Trägerschaft eröffnet, das mit der ständigen Sofortaufnahme ein besonderes Modellprojekt verfolgt. Die Sozialarbeiterinnen dort arbeiten im Schichtdienst, so ist immer jemand vor Ort und die Frauen können rund um die Uhr sofort und ohne Bedingungen aufgenommen werden.

Hexenhaus Eskepkamp nicht anonym

Ein zentrales Merkmal der Frauenhäuser ist normalerweise ihre Anonymität. Ganz anders ist dies beim „Hexenhaus Espelkamp“ in Nordrhein-Westfalen. Schon seit 1989 gibt es hier ein Frauenhaus, lange Zeit über war auch dieses an unbekanntem Ort. Als dann nach einem neuen Grundstück gesucht wurde, entschied man sich bewusst für ein anderes Konzept. Hinter der Innenstadt und gegenüber einem großen Einkaufszentrum steht dort nun ein Haus mit bunten Farbelementen, in dem sich neben verschiedenen Beratungsstätten auch das Frauenhaus befindet. „Gewalt ist ein gesellschaftliches Phänomen, das darf nicht tabuisiert werden“, erklärt die Leiterin des Hauses Elke Schmidt-Sawatzki den Ansatz des Hauses. Deshalb ist die Adresse bewusst nicht geheim, sondern gibt es stattdessen ein ausgefeiltes Sicherheitskonzept und eine enge Kooperation mit dem Opferschutz der Polizei.

Elke Schmidt-Sawatzki

Gewalt ist ein gesellschaft liches Phänomen, das darf nicht tabuisiert werden.“

Elke Schmidt-Sawatzki, Leiterin des „Hexenhaus Espelkamp“

Überhaupt laufe die Zusammenarbeit mit den verschiedenen kommunalen Stellen, dem Kreis, dem Gesundheitsamt, dem Schuldnerverein oder Jugendamt ausgesprochen gut, wie SchmidtSawatzki berichtet. „Es wird geschätzt, was wir leisten und wir können die Gespräche auf Augenhöhe führen“, so die Geschäftsführerin. Dabei hätte sich das Frauenhaus-Team von Beginn an als Teil der psychosozialen Versorgung des Kreises gesehen. „Es ist ein Irrglaube, dass Frauenhäuser alles selber regeln können. Wir bieten akuten Schutz in der Krisensituation. Dann geht es darum, zusammen mit der Frau ein Geländer zu entwickeln, an dem die Frau weiter gehen kann“, so SchmidtSawatzki, und dabei sei die kommunale Unterstützung von großer Bedeutung.

Frauenhaus in Passau unterstützt

Dass die kommunale Unterstützung – auch in finanzieller Hinsicht – spielentscheidend sein kann, hat Hildegard Stolper gerade in Passau erlebt. Seit eineinhalb Jahren bemühte sich die Vorsitzende dort um eine Erweiterung des Frauenhauses und eine Aufstockung der Plätze auf 14 statt bislang neun. Die Finanzierung des Anbaus war längst in trockenen Tüchern, doch bislang waren nur die beiden Landkreise bereit, ihren Anteil für die weiteren Plätze zuzusichern. Seit kurzem hat nun auch die Stadt ihr OK gegeben und einer Erweiterung steht nichts mehr im Wege. Eine wichtige Bestätigung für die Arbeit des Frauenhauses in Passau – und ein im Extremfall lebensrettender Schritt für die Schutz suchenden Frauen