TikTok im Rathaus - ist das die Zukunft? Was Social-Media leisten kann und muss
TikTok im Rathaus - ist das die Zukunft? Was Social-Media leisten kann und muss

Social-Media

Moderne Verwaltung: Tiktok Videos im Rathaus?

Der eine Bürgermeister tanzt in Videos wie Hugh Grant, der andere Bürgermeister warnt vor den Folgen von Social Media. Die dritte Stadt verbreitet nur offizielle Informationen über ihre Kanäle. Drei Kommunen, drei Ansätze für den Umgang mit den sozialen Medien.

Ist TikTok die Zukunft für deutsche Rathäuser? Wie können Kommunen breite Massen über die sozialen Medien erreichen? Einige Gemeinden halten sich stark zurück in den sozialen Medien, andere, wie etwa Deutschlands TikTok-Bürgermeister erreichen viele Menschen über Videos. Was macht für wen Sinn und wann agiert der Bürgermeister lieber "privat" und wo sollte eine professionelle Abteilung in der Verwaltung aktiv werden. Wir haben uns umgehört - 3 unterschiedlich große Kommunen mit drei unterschiedlichen Ansätzen.

Ob TikTok oder Instagram - auf den Typus kommt es an 



Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können, die drei Kommunen, die im Herbst beim KGST-Forum aufeinander trafen. Sie, das waren eine Vertreterin der Stadt Essen, der Bürgermeister der 5000 Seelen-Gemeinde Beratszhausen im Kreis Regensburg und der noch amtierende Bürgermeister der 15.000 Einwohner-Gemeinde Wennigsen, Christoph Meineke. Letzterer war vor 15 Jahren bei seinem Amtsantritt einer der Ersten, der überhaupt die Sozialen Medien nutzte. „Schüler VZ und Studi VZ, ja sogar ICQ waren damals meine Kanäle“ erinnert sich Meineke, der nach 15 Jahren als Bürgermeister in seiner Gemeinde im Herbst nicht erneut angetreten ist. Damals wurde er von den Medien gehyped, auch KOMMUNAL hatte in der seiner Erstausgabe im Jahr 2014 mit ihm über seine Aktivitäten in den sozialen Medien gesprochen. Heute sieht Meineke den Einsatz von damals differenziert. „Man nimmt da sehr viele persönliche Tiefschläge mit. Social Media hat mich manchmal an den Rand des Wahnsinns getrieben“, so der 41 jährige heute. Ein Problem aus seiner Sicht: „Ich muss vor allem meine Mitarbeiter vor dem ganzen Hass im Netz schützen. Auch die Beziehung zwischen mir und den sozialen Medien wird langsam toxisch“. Denn Social-Media könne schnell eine Waffe gegen einen selbst werden. „Der Ton ist rau, bitte bedenken Sie immer, was das mit Ihren Mitarbeitern macht, seien Sie vorsichtig und wachsam“, warnt Meineke.

Das war damals, Anfang der 2000er Jahre noch anders. Er war damals 26 Jahre alt. „Ich konnte über diese Kanäle auf einmal Menschen ansprechen, die eigentlich gar keine Lust mehr auf Politik hatten“, so der Bürgermeister aus Niedersachsen.

Mit TikTok die Mengen erreichen - der Bürgermeister einer kleinen Gemeinde wurde zum Internet-Star 

Genau auf diesen Zug ist auch Matthias Beer aufgesprungen. Der 35 jährige gilt als Deutschlands Tik-Tok-Bürgermeister. Tik Tok ist eine Videoplattform, die vor allem von Jugendlichen genutzt wird. Mini-Videos von etwa einer Minute Länge können dort eingestellt werden. Und so tanzte der Bürgermeister aus dem Kreis Regensburg schon auf Socken durchs leere Rathaus zum Sound des Liedes „Jump“ von den Pointer Sisters. Immer in Anspielung an eine Szene aus dem Romantik-Klassiker „Tatsächlich…Liebe“ mit Hugh Grant. Wie er auf die Idee kam? „Ich habe kleine Kinder und habe mit ihnen immer Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen gehört. Dort ist der Bürgermeister grundsätzlich korrupt, selbstverliebt und völlig unnahbar. Das hat mich geärgert, ich will, dass man Politiker auch als Menschen mit Stärken und Schwächen wahrnimmt“. Der Erfolg gibt ihm Recht. Seine Videos erreichen in ganz Deutschland und darüber hinaus eine riesige junge Fangemeinde.

„Ich poste alles sehr persönlich, mein ganzes Privatleben. Nach der Wahl zum Bürgermeister wollte ich eigentlich damit aufhören, aber da ging es dann erst richtig los.“ Und er sagt auch, dass es für ihn kaum Grenzen gibt. „Ich mache alles, wirklich alles, außer andere Menschen zu verletzen“. Was aber auch Probleme machen kann. Man müsse immer unterscheiden, „was ich als Bürgermeister persönlich mache und was offizielle Verlautbarung aus dem Rathaus ist, so Beer.“ Sprich: Sein Account ist privat, auch wenn sich bei einem Bürgermeister Privatleben und Amt natürlich nie trennen lassen. „Natürlich poste ich als der Bürgermeister meiner Gemeinde, aber eben nicht mit Amtssiegel auf dem offiziellen Kanal der Gemeinde. Dadurch bin ich frei, man kann mich kritisieren, aber nie die Gemeinde.“ Einen offiziellen Account der Gemeinde gibt es auch gar nicht. 

Die Großstadt: Professionell posten - verschiedene Kanäle nutzen, TikTok ist aber noch nicht dabei...

Das sieht in der Großstadt Essen ganz anders aus. Hier kümmert sich eine eigene Abteilung mit vier Mitarbeitern ausschließlich um die sozialen Medien. Facebook, Instagram, Twitter und Youtube werden bespielt. Von früh morgens bis nach 22 Uhr Abends ist immer ein Mitarbeiter im Dienst. 36.000 Follower bei Facebook sind der Dank. Aber auch hier gilt: Zu steif und zu öffentlich darf es auch hier nicht sein „sonst erreichen wir zu wenige Menschen“, sagt Silke Lenz von der Stadt Essen. Längere Texte erreichen das Publikum nicht, „es muss möglichst locker geschrieben werden, Grafiken und Bewegtbilder funktionieren besonders gut“, so Lenz. Weshalb Youtube für die Stadt ein immer wichtigerer Kanal wird. Auf der Plattform postet die Stadt kurze Videos zu aktuellen Themen…immer locker, immer im Infotainment-Stil. „Da stößt man auch mal an Grenzen, denn wir sind am Ende doch immer noch die offizielle Seite einer Behörde. Alles ist da nicht erlaubt“.

Fazit: Es kommt auf den Typus an...und auf die Ressourcen...

Was alle drei eint? Sie haben ihre Aktivitäten in den sozialen Medien auf das Ziel ausgerichtet, die „klassischen Medien zu untertunneln“. Denn alle drei beklagen, dass die lokale Berichterstattung vor Ort immer weniger wird. Sei es durch die Zusammenlegung von Lokalredaktionen oder die Ausrichtung von Lokalzeitungen auf immer weniger politische Themen in den Blättern. „Selbst bei uns in einer Stadt wie Essen mit mehreren Lokalzeitungen finden viele Themen nicht mehr statt“, so Silke Lenz. Der Tipp von allen Dreien: „Konzentrieren Sie sich auf einige wenige Plattformen, alles können Sie gar nicht bespielen, lieber eine Plattform gut und vernünftig“.