Das Engagement-Center in Aachen – offene Begegnungsstätte und Dreh- und Angelpunkt der Integrationsarbeit in der Stadt.
Das Engagement-Center in Aachen – offene Begegnungsstätte und Dreh- und Angelpunkt der Integrationsarbeit in der Stadt.
© Stadt Aachen

Mutmacherbeispiele

Vorbildliche Flüchtlingshilfe in Kommunen

Mehr als 650.000 Menschen aus der Ukraine sind dieses Jahr zu uns geflüchtet. Eine neue Mammutaufgabe für die Kommunen. Doch anders als im Jahr 2015 ist von Panik dieses Mal nichts zu spüren. Der Grund: Die Städte und Gemeinden haben viel mehr Erfahrung als vor sieben Jahren. Wie Integration in Deutschland in diesen Tagen gelingt – Mutmacherbeispiele!

An der Mittelschule in Landau wird die Integration täglich gelebt. 400 Schüler sind an der Schule, davon haben 50 Prozent einen Migrationshintergrund, wie Rektor Christian Ehrenreich berichtet. Gleichzeitig stellt er fest: „Wir haben hier Schüler aus 25 Nationen – und keinem fällt es auf“. Ein Grund dafür: Bereits seit über 10 Jahren gibt es spezielle Deutschklassen, um nicht-deutschsprachigen Schülern vor der Aufnahme in den Regelunterricht ein möglichst schnelles Erlernen der deutschen Sprache zu ermöglichen. Die Besetzung der Klassen ist sowohl vom Alter als auch von den Nationalitäten her heterogen; der Wechsel in die Regelklasse, mitunter auch an andere Schultypen, funktioniert meist schon nach nur einem Jahr.

Schüler aus der Ukraine integriert

„Wir haben uns in den letzten Jahren viel mit der Herausforderung nicht-deutschsprachiger Schüler beschäftigt und uns in diesem Bereich mittlerweile professionalisiert“, so der Schulleiter. Während die Kommune Landau über Jahre hinweg intensiv in die Grundausstattung der Schule und die digitalen Geräte investiert hat, wurden parallel dazu Lehrkräfte fortgebildet, umfangreiches analoges und digitales Material gesammelt und wertvolle Erfahrungen gewonnen. Diese zahlen sich jetzt aus. Aktuell sind 15 ukrainische Schüler zwischen 11 und 16 Jahren in der sogenannten Willkommensklasse, in der neben einer pädagogischen Fachkraft auch eine ukrainische Lehrerin tätig ist. Die Motivation bei den Schülern ist außerordentlich hoch. „Die Schüler haben sich innerhalb kürzester Zeit integriert, wollen unbedingt Deutsch lernen und rechnen meist damit, länger hier zu bleiben. Schule bedeutet für sie Normalität, Ablenkung und Struktur“, so Ehrenreich. Entsprechend viel bedeutet die Schule den ukrainischen Kindern. Das deutlichste Indiz dafür: „Obwohl für sie noch keine Schulpflicht gilt, kommen sie bereits nach wenigen Tagen in Deutschland in die Schule und sind immer da“.

ie Willkommensklasse an der Mittelschule Landau für die ukrainischen Flüchtlingskinder
Die Willkommensklasse an der Mittelschule Landau für die ukrainischen Flüchtlingskinder



Integration betrifft nahezu alle Lebensbereiche, das zeigt sich deutlich in der Stadt Aachen, wo in der Abteilung "Integration" viele Fäden zusammen laufen. Städtische Mitarbeiter des Kommunalen Integrationsmanagements beantworten dort Fragen rund um Wohnungen, finanzielle Leistungen, Kinderbetreuung, Schule und Arbeitsplatz-Integration und sind aktuell schwer gefordert. „Die Lage in Aachen ist sehr dynamisch und Prognosen sind schwer“, sagt Nenja Ziesen, die Integrationsbeauftragte der Stadt. Das liegt auch daran, dass die Flüchtlinge im Vergleich zu 2015 nicht via Landeszuweisungen, sondern einzeln, teils privat und unerwartet kommen.

 Engagement-Center in Aachen

Über 3000 Menschen aus der Ukraine waren Ende Mai als Leistungsempfänger in Aachen registriert, davon rund ein Drittel Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Knapp die Hälfte der Flüchtlinge wurde in städtischen Unterkünften aufgenommen, der Rest hatte private Bleiben und Gastfamilien gefunden. Der ehrenamtliche Einsatz ist in Aachen laut Ziesen außerordentlich stark und die Vernetzung zwischen Stadt und Ehrenamt eng. „Wir arbeiten sehr intensiv zusammen – anders würde das nicht gehen“, so Ziesen. Zum zentralen Ort für die Umsetzung des Großprojekts Integration hat sich in Aachen das sogenannte „EngagementCenter“ entwickelt, ein städtisches Gebäude, das kurzfristig umgebaut wurde zur offenen Begegnungsstätte. Hier treffen Flüchtlinge, Ehrenamtliche und städtische Mitarbeiter aufeinander, gibt es unter anderem psychosoziale Beratung, eine Kleider- und Sach-Spenden-Annahme/Abgabe und stehen städtische wie ehrenamtliche Berater für Fragen zur Verfügung.

Sprache als Schlüssel für Integration

Die Themen in den Gesprächen haben sich seit Kriegsbeginn stetig verändert. Nachdem es anfangs vor allem um eine Unterkunft und die finanzielle Absicherung ging, steigt laut Ziesen mittlerweile die Nachfrage nach Sprachkursen. Denn auch wenn ein Teil der ukrainischen Flüchtlinge so bald wie möglich zurück in die Heimat will: „Sie wollen sich besser zurechtfinden und rechnen auch damit, länger zu bleiben. Die Sprache ist dabei definitiv der Schlüssel“, so die Integrationsbeauftragte; fast ebenso wichtig sei die Organisation der Kinderbetreuung, damit die Eltern die Kurse und später eine Arbeitsstelle aufsuchen könnten. Wie sich die Lage in Aachen weiter entwickeln wird ist offen, doch die Kommune baut vor: Aktuell sind elf städtische Turnhallen vorbereitet, in denen knapp 500 Personen untergebracht sind. Außerdem wurde für den Notfall eine Zeltstadt aufgebaut, zudem prüft die Verwaltung gerade die Anmietung von weiteren Großobjekten in der Stadt. Fest steht für Ziesen: „Die Integrationsarbeit ist definitiv eher ein Marathon als ein Sprint“.

Christian Ehrenreich,  Rektor der Mittelschule in  Landau an der Isar
Christian Ehrenreich,  Rektor der Mittelschule in  Landau.



Dies gilt erst recht für die Integration auf dem Arbeitsmarkt. Kaum jemand weiß das besser, als Marlene Thiele, die als Projektleiterin beim bundesweiten und öffentlich geförderten Netzwerk „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ Unternehmen bei der Eingliederung von ausländischen Arbeitnehmern begleitet. 2016 startete das Netzwerk im Zuge der damaligen Flüchtlingskrise mit 300 Unternehmen, mittlerweile sind mehr als 3.000 Betriebe dort kostenlos Mitglied. Ihre Motivation: „Die Unternehmen wollen sich zum einen sozial engagieren. Zum anderen sehen sie im Bemühen um Integration natürlich auch eine Chance, um Auszubildende und Fachkräfte der Zukunft zu gewinnen“, so Thiele.

Rechtliche Lage einfacher als 2015

Das Netzwerk begleitet die Unternehmen hierbei und klärt Fragen zum Aufenthaltsstatus und der Beschäftigungserlaubnis ebenso wie zum Spracherwerb und der Verständigung am Arbeitsplatz. Für die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine steht die Arbeit im Moment noch nicht an erster Stelle, stellt Thiele fest – zu viel Gewicht haben die anderen Bereiche, das Finden einer Wohnung oder die Organisation einer Kinderbetreuung. Allerdings: „Die Zahl der Arbeitssuchenden nimmt stetig zu und die Unternehmen bereiten sich im Moment intensiv darauf vor.Die Voraussetzungen für die Integration auf dem Arbeitsmarkt sind vergleichsweise gut. Im Unterschied zu 2015 ist die rechtliche Grundlage deutlich einfacher, wie Thiele sagt. „Wenn die Frage kommt, ob jemand der ukrainischen Flüchtlinge hier arbeiten darf, lautet die Antwort aufgrund des Aufenthaltsstatus eigentlich fast immer ja“. Ist dann eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle geschaffen, bieten viele Unternehmen nun vorausgehend einen Sprachkurs an. „Hier haben viele aus 2015 gelernt – schließlich spielt das Deutsch-Sprechen auf dem deutschen Arbeitsmarkt nach wie vor eine sehr große Rolle“.

Kommunen können profitieren

Den Wert der Arbeit selbst für den Integrationsprozess kann man nach Thieles Erfahrung kaum hoch genug einschätzen. Von der Erfahrung der Selbstwirksamkeit über die soziale Einbettung bis hin zur finanziellen Unabhängigkeit reiche ihre Kraft, zudem würden die neuen Arbeitnehmer via die Arbeit deutsche Gebräuche kennenlernen. „Es gibt hier wahnsinnig viele Effekte, die auch ins Privatleben hineinreichen – nicht zu vergessen der volkswirtschaftliche Aspekt. Arbeit bedeutet, dass sich die Flüchtlinge einen eigenen Wohnraum leisten können, sie nicht mehr abhängig sind vom Staat und sich einbringen können vor Ort“. Davon profitieren auch die jeweiligen Kommunen. Noch steht die Integration der ukrainischen Flüchtlinge auf dem deutschen Arbeitsmarkt am Anfang. Die Bereitschaft der Unternehmen aber sei groß, die Flüchtlinge aufzunehmen und ihnen Perspektiven zu bieten, wie Thiele sagt: „Die Betriebe sind sehr gut vorbereitet und sitzen in den Startlöchern.“

Zur Mittelschule Landau.

Fotocredits: Christian Ehrenreich, Rektor der Mittelschule in Landau an der Isar, Willkommensklasse an der Mittelschule Landau für die ukrainischen Flüchtlingskinder: Mittelschule Landau an der Isar