kommunale Energiewende Kreis Steinfurt
Im Kreis Steinfurt gibt es viel Platz für Windräder
© Dorothea Böing / Kreis Steinfurt

Nachhaltigkeit

Wie die kommunale Energiewende gelingen kann

Der Kreis Steinfurt hat die Windenergie massiv ausgebaut. Doch nun sollen 50 Prozent der Windanlagen aus der EEG-Förderung fallen. Viele Kommunen haben ähnliche Probleme wie der Kreis im Münsterland. Es gibt aber Lösungsansätze.

Der Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfahlen ist ambitioniert – bis zum Jahr 2050 will er samt seinen 24 Kommunen energieautark werden. „Die Energie, die im Kreis verbraucht wird, soll auch im Kreis erzeugt werden“, so Silke Wesselmann, Leiterin des Amts für Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Dafür verfolgt der Kreis zwei Ziele. Er will die Möglichkeiten der erneuerbaren Energien ausschöpfen und den Energieverbrauch halbieren.

Damit die kommunale Energiewende gelingt, braucht es gute Strukturen

Im eigens gegründeten Verein energieland2050 laufen alle Fäden zusammen. 2017 vereinte er unter seinem Dach zwei Netzwerke – Unternehmen, die sich mit Themen wie erneuerbaren Energien, Stromnetzen und Energiespeichern befassten sowie den Verein „Haus im Glück“, der sich der energetischen Gebäudesanierung widmete. Die inzwischen 127 Mitglieder - 24 davon sind die kreiseigenen Städte und Gemeinden - treten nun mit gemeinsamer Stimme auf. Die Themen blieben die gleichen.

Amtsleiterin Wesselmann erfüllt eine Doppelfunktion – sie ist zugleich Geschäftsführerin des Vereins energieland2050. „Mit einem Verein können wir schneller reagieren, Personal flexibler einstellen. Wir können kleinere Projekte direkt beauftragen“, erklärt sie die Vorteile. Kommunen müssten neue Stellen erst umständlich beantragen und haben einen Personalschlüssel.

Zudem kann sich der Verein auf Fördermittel bewerben, die für private Institutionen sind. „Mal bewirbt sich die Kommune und mal der Verein“, erklärt Wesselmann. Im Förderdschungel von Bund und Ländern ist das ein Pluspunkt.

Mit diesen Leitlinien wird die Bürgerbeteiligung sichergestellt

Es sind inzwischen 20 Jahre Netzwerkarbeit für die kommunale Energiewende im Kreis Steinfurt. Zu den größten Erfolgen zählt die Amtsleiterin die Bürgerwindprojekte. „Bürgerenergie ist das Gebot der Stunde“, sagt Wesselmann. „Die Menschen haben die Möglichkeit zu investieren, statt dass die Renditen an Investoren von außerhalb gehen.“ Dies mache sich auch bei der Akzeptanz für Windräder bemerkbar.

Wer, wenn nicht wir, soll das schaffen? Wir sind eine ländliche Region, wir haben den Platz und die Akteure dafür.“

Silke Wesselmann, Amtsleiterin im Kreis Steinfurt

Ein weiterer Grund ist, dass es im Kreis schon lange aktive Windpraktiker gebe. Diese haben schon vor 20 Jahren angefangen, Windräder zu bauen. Den sich bundesweit formierenden Widerstand gibt es erst seit ein paar Jahren. Grundlage für den Erfolg der Windenergie bildeten die vom Kreis definierten „Leitlinien Bürgerwindpark“. Sie schreiben fest, dass alle Gruppen – Flächenbesitzer, Nachbarn, Landwirte - im weiteren Umfeld zu beteiligen sind. Eine faire Teilhabe neben den direkt profitierenden Flächenbesitzern ist in den Leitlinien genauso festgeschrieben wie eine direkte konzeptionelle und finanzielle Bürgerbeteiligung. Mehrheitsbeteiligungen sind zu vermeiden. Die Mindestbeteiligung liegt bei 1.000 Euro. „Davon wird zwar keiner reich, aber es gibt immer noch mehr Zustimmung, als wenn eine Summe X im Gemeindehaushalt landet und damit nur indirekt den Bürgern zugutekommt“, sagt Amtsleiterin Wesselmann.

Der Erfolg baut auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit

Der Kreis selbst arbeitet seit 10 Jahren intensiv am Thema Windenergie. Anfangs noch im vertrauten Kreis mit Landwirtschaft und Naturschutz ermittelte er potenzielle Windstandorte. Gleichzeitig war in einer Ampelkarte festgelegt, welche Flächen für den Naturschutz freizuhalten sind. Die Ergebnisse präsentierten sie - vertraulich - den Bürgermeistern. Auch die landwirtschaftlichen Verbandsvertreter wussten von potenziellen Flächen beziehungsweise Tabuzonen und konnten im eigenen Bereich dafür werben.

Kommunale Energiewende Windanlagen Kreis Steinfurt
Foto: Dorothea Böing / Kreis Steinfurt

„Entwickelt diese Projekte selbst, lasst nicht Externe kommen, die dann den Grundbesitzern eine schöne Summe geben, aber alle Nachbarn in die Röhre gucken lassen“, erklärt Wesselmann die Erfolgsstrategie, mit der die Akteure die regionale Wertschöpfung ökologisch steigern wollen. Die Nachfrage nach Bürgerenergie war größer als das Angebot. Es wollten mehr Menschen Gesellschafter werden als möglich „Das sind Hunderte, die in den Hallen sitzen und an diesen Anlagen teilhaben wollen und tausende Menschen, die bereits an der Windenergie hier beteiligt sind“, sagt die Amtsleiterin. Das ist positiv für den Rückhalt in der Bevölkerung.

Mit Windenergie grünen Wasserstoff produzieren

2021 endet für viele Windanlagen nach 20 Jahren die EEG-Förderung. Der Kreis Steinfurt deckt bereits 60 Prozent seines Strombedarfs mit Windenenergie. Das Ende der EEG-Förderung betrifft hier in den kommenden fünf Jahren etwa 50 Prozent der Anlagen - das Ende einer Erfolgsgeschichte? Auch hier haben sich die Akteure etwas einfallen lassen. Die Idee ist, Wasserstoff zu erzeugen. Mit Stoffwandlern – sogenannten Elektrolyseuren - kann Wasser mithilfe von Energie in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten werden. „Wasserstoff ist das zentrale Element für die Sektorenkopplung“, führt Wesselmann aus.

Gemeint sind damit die Sektoren der Energiewirtschaft – Elektrizität, Wärmeversorgung und Mobilität. Wasserstoff lässt sich in all diesen Bereichen nutzen. „Wir wollen allerdings, wenn überhaupt, nur grünen Wasserstoff verwenden“, sagt Amtsleiterin Wesselmann. Das heißt, dass für die Erzeugung von Wasserstoff keine fossilen Brennstoffe eingesetzt und so auch keine Treibhausgase entstehen sollen – ganz im Sinne des Klimaschutzes. Hier könnten die alten Windanlagen ins Spiel kommen, die ab 2021 aus der EEG-Förderung fallen.

„Das Konzept wird zum Geschäftsmodell, wenn für Wasserstoff Preise wie an einer Tankstelle gezahlt werden“, erläutert Wesselmann die Idee. Zurzeit liege dieser in etwa bei 9,50 Euro pro Kilo Wasserstoff. Die Chemie- oder die Stahlindustrie zahlen ungefähr einen bis zwei Euro. Daher sei auch so oft vom Import von Wasserstoff die Rede. Die Erzeugung von Wasserstoff mit der Energie, die wir hier haben, ist noch zu teuer.

Noch ist die Produktion von grünem Wasserstoff zu teuer

Im Bereich Mobilität hat der Kreis ausgerechnet, dass sich die Idee gerade so rentieren könnte. Aber auch die Stoffwandler für die Herstellung des grünen Wasserstoffs sind teuer. Schon die kleinen kosten mehrere Millionen Euro. „Da muss immer noch mitangeschoben werden über Fördermittel oder es finden sich Firmen, die in unserer aktiven Region eine Pilotanlage aufsetzen möchten“, sagt Wesselmann.

Grüner Wasserstoff für die kommunale Energiewende
Foto: Dorothea Böing / Kreis Steinfurt

Mit seiner Idee überzeugte der Kreis Steinfurt als eine von insgesamt drei ausgewählten Regionen erst letztes Jahr das Land Nordrhein-Westfahlen und erhielt im Wettbewerb „Modellregion Wasserstoffmobilität“ Fördermittel in der Höhe von 350.000 Euro.  Noch Ende 2020 gründete der Verein energieland2050 das Kompetenzzentrum und Unternehmensnetzwerk "HYMAT-Energie", mit dem er sich für Wasserstoffprojekte im ländlichen Raum einsetzen will.

Das können Kommunen für ihre Energiewende tun

Bürgermeistern, die Interesse an Bürgerwindenergieanlagen haben, empfiehlt Wesselmann, sich mit Flächenbesitzern und Naturschutzvertretern an einen Tisch zu setzen und zu fragen: „Können wir das aus eigener Kraft machen? Können wir das selbst vor Ort entwickeln? Können sich unsere Landwirte und Bürgerwindexperten nicht zusammentun?“ Potenzielle Flächen können gutachterlich ermittelt werden und die Kommunen könnten den Ausbau über die Bauleitplanung steuern.

Außerdem rät die Amtsleiterin dazu, sich zu professionalisieren. Für jene, die immer noch keinen Klimaschutzmanager haben, hat sie wenig Verständnis. „Klimaschutz kann man nicht einfach so mitmachen. Da lässt man viel zu viel liegen - auch in Bezug auf die lokale Wertschöpfung“, sagt sie. Denn das Thema Klimaschutz ist wichtige Zukunftsaufgabe, der sich jede Kommune stellen müsse. Wer ein professionelles Klimaschutzteam hat, kann auch mehr Fördermittel bekommen, weiß die Amtsleiterin. Davon gebe es viele. In der Summe ist so ein Team ein Plusgeschäft für die kommunale Energiewende.