Warum beitragsfreier ÖPNV auf dem Dorf Sinn machen kann - in der Stadt aber nur zu Verlagerungseffekten führt...
Warum beitragsfreier ÖPNV auf dem Dorf Sinn machen kann - in der Stadt aber nur zu Verlagerungseffekten führt...
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Nahverkehr

Mit diesen einfachen Maßnahmen wird der ÖPNV auf dem Dorf attraktiver

Freie Fahrt im Nahverkehr. Seit Jahren wird immer wieder über einen kostenlosen ÖPNV diskutiert. Aktuell kann jeder, der ein Abo für den Nahverkehr besitzt, deutschlandweit fast alle Angebote des ÖPNV ohne Zusatzkosten nutzen. Gleichzeitig startet Stuttgart ein neues Projekt mit kostenlosen Bussen an Wochenenden. Allerdings - wie so viele Projekte - nicht aus Umweltschutzgründen. Ein Überblick und eine Bewertung!

An Wochenenden kostenlos im ÖPNV fahren, so viel man will. Kein neues Konzept, sondern von Städten auch in Deutschland immer wieder erprobt. Aus sehr unterschiedlichen Gründen und mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Neuester Versuch: Stuttgart. Hier ist der Grund die Sorge um das Veröden der Innenstadt. "Mir fällt kein besserer Weg ein, um den Handel anzukurbeln", so City Manager Sven Hahn bei der Vorstellung des Projekts. Gastronomie, Kultur, sie alle sollen davon profitieren, dass mehr Menschen in die Stuttgarter Innenstadt kommen. Nur günstig ist das nicht. 450.000 Euro pro Wochenende kostet die Aktion, so die Berechnungen der Stadt. Noch ist unklar, wie viele Wochenenden es werden sollen, Oberbürgermeister Frank Nopper zeigte sich aber offen dafür, insgesamt fünf Wochenenden anzubieten. Das ist der Wunsch der Innnenstadt-Händler. 

Versuche für beitragsfreien ÖPNV gab es schon viele 

Gerade in Baden-Württemberg ist die Idee nicht neu. Tübingen etwa bietet seit drei Jahren an Samstagen kostenlose Fahrten mit der Buslinie an. Durch die Pandemie gibt es aber keine aktuell verlässlichen Zahlen, wie gut das funktioniert. Im ersten Jahr sprach die Stadt von einem Plus von knapp 30 Prozent. 

Ulm hingegen schafft die im Jahr 2019 geschaffene Regelung wieder ab. Auffällig: Auch hier waren es keine Umweltaspekte, die zur Einführung geführt haben. Dort ging es um Großbaustellen in der Stadt, die zu Problemen für Autofahrer führten. Die Baustellen sollen nun bald fertig sein. Die Stadt hat die Aktion in Ulm pro Jahr nach eigenen Angaben rund eine Million Euro zusätzlich gekostet. 

Doch auch in Baden-Württemberg hält der Verkehrsminister Hermann nichts davon, öffentliche Verkehrsmittel dauerhaft beitragsfrei anzubieten. "Schon heute ist jedes Ticket etwa zur Hälfte von der öffentlichen Hand gefördert", sagt er. 

Eine Erfahrung, die Templin in Brandenburg schon Ende der 90er Jahre machte. Dort wurde der kostenlose ÖPNV ausprobiert mit kostenlosem Busfahren. Die Nutzungszahlen stiegen enorm an - von 40.000 Fahrgästen auf über 600.000, das Netz wurde schnell ausgebaut. Die zusätzlichen Kosten sprengten aber jeden Rahmen. Immer wieder war von "Spaßfahrten" und "sinnlosen Herumfahren" die Rede. Im Jahr 2003 wurde das Projekt gestoppt, heute kostet die günstigste Jahreskarte knapp 50 Euro, das Netz der strukturschwachen Stadt in der Uckermark ist aber auch überschaubar. 

Diese Effekte hat der kostenlose ÖPNV in der Realität 

13 Milliarden Euro nehmen Deutschlands Verkehrsbetriebe im Jahr mit Tickets ein. Das Geld müsste also an anderer Stelle eingespart werden um einen deutschlandweiten kostenlosen ÖPNV einzuführen. Immer unter der Voraussetzung, dass die Zahl der Passagiere gleich bleibt. Denn zusätzliche Passagiere bedeuten zusätzliche Kosten. 

Daher stellt sich die Frage, was eigentlich mit kostenlosen Fahrten erreicht wird. Immer wieder wird ja der Umweltschutz als Grund genannt, so auch in Pfaffenhofen in Bayern. Das war die Begründung zur Einführung eines kostenlosen Stadtbusses im Jahr 2018. Immerhin: Die Fahrgastzahlen haben sich verdreifacht von 1000 Gästen am Tag auf 3000. Zum Vergleich: Die Stadt hat knapp 25.000 Einwohner. 

Doch wer ist umgestiegen? Es waren, so Bürgermeister Thomas Herker, weniger die ehemaligen Autofahrer. "Sondern auch Schüler, die vorher zu Fuß gegangen sind und Radfahrer sowie Rentner. Aus der eigenen Familie kenne ich Menschen, die nie auf die Idee gekommen wären, einen Bus zu nutzen. Aber als er kostenlos war, hat man ihn getestet und die Berührungsängste verloren," so Herker. 

Kurzum: Es sind Verlagerungseffekte, während die Stadt laut Herker "weiter voller Autos" ist. Der Nachteil aus Sicht des Bürgermeisters: Es fehlt nun Geld an anderer Stelle, denn die Einnahmen durch den ÖPNV sind weggefallen, die Ausgaben haben sich erhöht. Daher ist er sich sicher: "Man muss Parkplätze streichen, Verkehrsflächen anderer Nutzung zuschlagen". 

Die Bewertung: Für wen macht kostenloser ÖPNV Sinn? 

Als politische Forderung kommt ein beitragsfreier ÖPNV natürlich immer gut an, viele Bürger sehen darin eine "soziale Wohltat" und erwarten sich Effekte für den Klimaschutz. In der Realität muss zunächst das Angebot massiv ausgebaut werden, um auf neue, zusätzliche Passagiere eingestellt zu sein. Denn langfristig steigert nicht "Preisdumping" die Attraktivität des ÖPNV, sondern nur ein gut ausgebautes Netz. 

Eine aktuelle Studie hat für Deutschlands Großstädte errechnet, wie viel länger ein Passagier real im ÖPNV benötigt, um von A nach B zu kommen. In fast allen Städten war die reale "Wegzeit" von Haustür zu Haustür fast doppelt so lang, wie mit dem Auto. Trotz Staus in Berlin, Hamburg oder München. Hauptgrund, so die Forscher, sind Wartezeiten beim Umsteigen und "die letzte Meile", die dann oft zu Fuß zurück gelegt werden muss - etwa von zu Hause zur Bahn, unterwegs das Umsteigen und bei Ankunft dann der Weg zum Arbeitsplatz. In einigen Städten lag der Zeitverlust sogar bei einem Wert von über 2,2 - also braucht der Nutzer dort das 2,2 fache an Zeit, um an sein Ziel zu kommen. 

In der Großstadt würde somit nur ein massiver - und garantiert nicht bezahlbarer - Ausbau des ÖPNV wirklich langfristig zum Erfolg führen. Anders sieht es in kleinen Orten aus. Hier gibt es meist "nur" einen Bus, der deutlich günstiger ist als Straßenbahnen, U- oder S-Bahnen. Hier kann ein Ausbau der Linien und der Taktung oft mit kleinen Fahrzeugen erreicht werden, erste Städte probieren hier auch schon das autonome Fahren mit Bussen aus. Das spart langfristig massiv teure Personalkosten ein. Die Kleinbusse sind oft vergleichsweise kostengünstig, teils kann mit Hilfe von Ehrenamtlichen gefahren werden. 

Christian Erhardt: Mein Tipp für kleine Kommunen zum Thema ÖPNV 

Wie wäre es zum Beispiel auf dem Dorf mit kostenlosem Busverkehr für alle Neubürger in den ersten 2 Monaten? Oder für Menschen, die in Rente gehen? Wer neu in eine Stadt zieht oder eine neue Lebenssituation vorfindet, ist viel eher bereit, neue Wege zu gehen und neue Möglichkeiten zu erkunden. Vielleicht ist das Bussystem im Ort ja doch besser als sein Ruf? Ausprobieren würden es einige vielleicht. Oder Sie suchen per Lotterie 20 "Tester" aus, die für 2 Monate kostenlos ihr Bussystem nutzen dürfen. Danach gibt es einen Bewertungsbogen, den die Personen ausfüllen müssen und vielleicht ein Treffen aller, die mitgemacht haben. so können Sie gleich die Stärken und Schwächen des Bussystems in ihrem Ort herausfinden. Wer "eine solche Testaufgabe" bekommt, befasst sich auch erfahrungsgemäss intensiver mit dem Thema, wird Schwachstellen aufzeigen. So lässt sich das Angebot gezielt verbessern. Denn am Ende zählt die Qualität meist deutlich mehr, als der Preis. Oder anders gesagt: "Was nichts kostet, wird meist auch nicht Wert geschätzt".