Der deutsche Staatsbürger und Bürgermeister von Temeswa ist immer wieder Anfeindungen von Neonazis ausgesetzt - hier bei seinem Wahlsieg im September 2020
Der deutsche Staatsbürger und Bürgermeister von Temeswa ist immer wieder Anfeindungen von Neonazis ausgesetzt - hier bei seinem Wahlsieg im September 2020
© Von Cosmin Stefan Cozma - Eigenes Werk, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=94668972

Bürgermeister in der Fremde

Neonanzi-Angriffe gegen deutschen Bürgermeister in Rumänien

Angriffe auf Bürgermeister und Würdenträger sind leider kein rein deutsches Phänomen. Auch in anderen Ländern nimmt die Zahl der Rechtsextremisten und der Angriffe auf Kommunalpolitiker zu. So etwa in Rumänien. Dort traf es nun den ersten deutschen Bürgermeister des Landes in der Metropole Temeswar.

Neonazis haben in der rumänischen Metropole Temeswar am Freitag (14. Januar) grölend für einige Zeit die Hoheit über das dortige Rathaus übernommen. Das bestätigte ein Sprecher. Die Deutsche Welle hatte zuerst darüber berichtet. 

"Schande, Schande" rufen sie grölend, als sie durch die Flure marschieren - und fordern ein Gespräch mit dem Bürgermeister. Mund- und Nasenschutz trägt - trotz auch in Rumänien geltender Regelung - keiner von ihnen. Der Protestzug wird immer lauter, zu hören sind nun auch Protestrufe wie "Komm raus, du Drecksköter" - gemeint ist der Bürgermeister, wie ein Rathausmitarbeiter später in einem Interview erzählt, aus dem die Deutsche Welle (DW) zitiert. 

Nur wenige Meter vom Rathaus entfernt findet zeitgleich eine Kundgebung der Neonazi-Partei AUR statt. Die Partei wurde erst vor zwei Jahren gegründet, sitzt bereits mit mehr als 10 Prozent der Stimmen im Parlament, ist viertstärkste Kraft im Lande. Ihr Vorsitzender bezeichnet in seiner Rede den Bürgermeister der Stadt als "dahergelaufenen Ausländer, den das Land nicht braucht". Facebook-Videos zeigen, wie eben dieser Parteivorsitzende dann die grölende Menge sogar direkt bis zum Rathaus (Vordereingang, der aber verschlossen ist) führt. Ab dort dringt dann ein Teil (über den Hintereingang) in das Rathaus ein. Nach einer guten Viertel Stunde hat der ganze widerliche Spuk ein Ende. Zum Gespräch mit dem Bürgermeister kommt es nicht. 

Opfer der Neonazi-Angriffe: Der Bürgermeister von Temeswar war früher Ministerialrat bei Horst Köhler

Dominic Fritz wurde im Oktober 2020 zum ersten Bürgermeister der Stadt Timiosara - zu deutsch Temeswar - gewählt. Mit "nur" 35 Jahren. Aufgewachsen ist er in Lörrach in Baden-Württemberg, direkt an der Grenze zur Schweiz. 10 Jahre lang hat er sich in Frankfurt am Main in der Kommunalpolitik engagiert, gehörte auch dem Rat der Burg Rothenfels an. einer Jugend- und Erwachsenenbildungsstätte in der unterfränkischen Stadt Rothenfels. Beruflich wechselte der heute 37 jährige im Jahr 2016 als Büroleiter und Stabschef zum ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler. Während dieser Zeit knüpfte er enge Kontakte nach Rumänien, schloss sich dort auch einer Partei an, die ihn dann als Kandidat für das Amt des Bürgermeisters aufstellte. Im Jahr 2019 zog er dann nach Temeswa. Er besiegte dort aus dem Stand den langjährigen amtierenden Bürgermeister der Stadt. Schon im Wahlkampf hatte ihn sein Gegner einer nationalen Partei als "fremden Abenteurer" bezeichnet, der Rumänien als eine Art Melkkuh betrachte". Allein die Tatsache, dass ein Mensch ohne rumänischen Pass nach dem Amt greife zeige, wie sehr Dominic Fritz "Temeswa und Rumänien verachte". Seither gibt es immer wieder Anfeindungen, auf der anderen Seite scheint ein Großteil der Bevölkerung hinter ihrem Bürgermeister zu stehen, wie nicht zuletzt der deutliche Wahlsieg schon im ersten Wahlgang (55%) gezeigt hat. 

Neonazis "spielen bewusst" mit historischen Bildern

Der Angriff auf das Rathaus in Temeswar hat auch deshalb Symbolcharakter, weil im Jahr 1989 eben in diesem Rathaus der Aufstand gegen die Ceauscescu-Diktatur begann - damals mit vielen Toten. Seither sieht sich Temeswar selbst als Vorkämpferin für ein freies und europäisches Rumänien. Bürgermeister Dominic Fritz sieht daher vor allem auch in dem Aufstieg der Neonazi-Partei, die immer wieder gegen ihn Stimmung macht - eine "tiefliegende Vetrauenskrise und einen Verfall der politischen Kultur". Trotzdem sieht er sich selbst nicht in Gefahr. "Ich fühle mich sicher in der Stadt" sagt er, weil es nur wenige Menschen gebe, die sich in Temeswar an solchen Aktionen beteiligen. 

Ob der jüngste Angriff Konsequenzen hat, ist völlig offen. Im Rathaus selbst war keine Polizei vor Ort. Laut Polizei in Temeswar wurden aber bei der Veranstaltung selbst mehrere Geldbußen verhängt - wegen Verstößen gegen die Corona-Regeln, sprich: Wegen des Nicht-Tragens von Masken. 

Bürgermeister in der Fremde - das gibt es immer wieder 

In Rostock, dem Ort mit dem viertgrößten Hafen der Bundesrepublik etwa gibt es einen dänischen Bürgermeister. Zwar  spricht Klaus-Ruhe Madsen, der dortige Bürgermeister gerne von seiner "Liebe zu Rostock", die deutsche Staatsbürgerschaft will er aber nicht annehmen. "Ich bin Däne, da bin ich geboren, da habe ich nie einen Hehl draus gemacht", so Madsen. Ein Problem ist das nicht, denn bei Kommunalwahlen dürfen (Ausnahme ist Bayern) Menschen aus allen anderen EU-Staaten ebenfalls kandidieren. Und so kam es, dass der frühere Geschäftsmann (Möbelverkäufer) im Jahr 2019 zu ihrem Stadtoberhaupt wählten. 

Weniger als Exotin versteht sich Julia Samtleben. Die 41jährige ist Bürgermeisterin von Stockelsdorf. Sie ist in Jamaika geboren, hat auch noch einen jamaikanischen Pass, aber zusätzlich auch einen Deutschen Pass. 

Seit knapp zwei Jahren nicht mehr im Amt ist derweil der Schotte Iain Macnab. Er war 12 Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde Brunsmark in Schleswig-Holstein. Im Januar 2020 war dann zwangsweise Schluss. Denn Großbritannien trat zu diesem Zeitpunkt aus der EU aus. Deshalb war auch Macnab seinen Job zwangsweise los. Als Schotte ist er seither kein Staatsangehöriger eines EU-Staates mehr, so der Grund.