Leichte Sprache wird Pflicht - Last-Minute-Tipps für Kommunen
Leichte Sprache wird Pflicht - Last-Minute-Tipps für Kommunen

Umsetzung hakt noch

Gesetz in Kraft: Leichte Sprache - Tipps für Kommunen!

Leichte Sprache ist eine speziell geregelte Sprache. Der Grundsatz heißt, dass jeder Satz eine Information hat. Damit werden die Sätze kurz. Menschen können die Texte dann besser verstehen. Ab dem 23. September müssen Städte und Gemeinden diese Sprache auf ihren Internetseiten nutzen. Und auch Anträge und Formulare muss es in einfacher Sprache geben.

Sie sehen schon, in unserem Antexter haben wir versucht, die Leichte Sprache zu benutzen. Leichte Sprache heißt, es gibt keine Fremdwörter. Auch sollen keine Fachwörter benutzt werden. Lange Sätze machen die Sprache auch für viele Menschen schwer. Leichte Sprache verstehen also alle Menschen besser. Das gilt insbesondere für Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch Menschen, bei denen Deutsch nicht die Muttersprache ist oder auch Demenz-Kranke. 

Ratgeber: So funktioniert die Leichte Sprache 

Es sind vor allem viele schwere Wörter, die sich - oft auch unnötigerweise - in unseren Sprachgebrauch gerade in Behörden eingeschlichen haben. Das Wort "Genehmigen" etwa kann man auch mit "erlauben" beschreiben. Oder das Wort "öffentlicher Nahverkehr" - in einfacher Sprache sagt man einfach "Bus und Bahn". Auch englische Wörter haben oft Einzug in unsere Sprache gehalten. Der "Workshop" ist für viele normal, warum eigentlich nicht ein "Arbeitstreffen" oder eine "Arbeitsgruppe". Eigentlich beschreiben es die Wörter sogar genauer. Kurzum: Der wichtigste Tipp für die Leichte Sprache heißt: "Benutzen Sie einfache Wörter, keine Fremdwörter und bilden Sie für jede Information einen Satz". 

Ein weiterer Tipp der Experten: Nutzen Sie für eine Sache in einem Text immer das gleiche Wort. Eine Tablette bleibt eine Tablette und wird nicht zur Pille, die Feuerwehrleute werden nicht zu "Einsatzkräften", auch Abkürzungen sind grundsätzlich tabu. Z.B. heißt Zum Beispiel.

Ein weiterer Tipp: Benutzen Sie möglichst viele Verben, also in leichter Sprache TU-Wörter. Die sind einfacher zu verstehen als Hauptwörter. Beispiel: Statt: "Morgen ist die Wahl des Oberbürgermeisters" sagen Sie lieber: "Morgen wählen wir den Ober-Bürgermeister". Dazu sollten schwere Worte wie Oberbürgermeister, gerade wenn die Wörter lang sind, möglichst getrennt werden. Also Ober-Bürgermeister. Manchmal ist bei schweren Wörtern auch noch ein kurzer Satz mit einer Erklärung nötig. Etwa: "Der Oberbürgermeister regiert die Stadt. Und er ist Chef der Mitarbeiter in der Stadtverwaltung." 

Den alten Spruch: Der Genetiv ist dem Dativ sein Tod können Sie bei der leichten Sprache auch mal getrost vergessen. Der Genitiv macht die Sprache schwerer. "Das Haus des Bürgermeisters" wird in der leichten Sprache zu: "Das Haus vom Bürgermeister". Hätte, könnte, sollte und andere Konjunktive sollten Sie ebenfalls nicht benutzen. "Morgen könnte die Straße wegen Bauarbeiten für zwei Stunden gesperrt werden" heißt in leichter Sprache dann: "Morgen wird vielleicht die Straße gesperrt. Bauarbeiter müssen die Straße dann reparieren. Das dauert 2 Stunden". 

Und nicht nur bei der Leichten Sprache gilt: Machen Sie mehr positive Sätze. Gerade das Wort NICHT wird oft übersehen. "Die Straße ist nicht gesperrt" kann so schnell falsch interpretiert werden. Besser ist: "Die Straße ist frei". 

Schwierig wird es auch mit dem ganzen Zahlensalat in unserer Sprache. Das Jahr 1869 ist zwar eine sehr exakte Zeitangabe. Wo möglich tut es aber auch der Hinweis: "vor über 100 Jahren", die Vorstellungskraft steigt dabei für viele Menschen. Ähnlich sind sehr hohe Zahlen. "An der Demonstration beteiligten sich laut Veranstaltern 3500 Menschen" ist zwar exakt, sorgt aber für eine schlechte Vorstellung. In Einfacher Sprache würden wir sagen: "Viele Tausend Menschen waren auf der Demonstration". "Nur 14 Prozent der Bürger nutzen den Service" ist ebenfalls korrekt, in einfacher Sprache sagen Sie aber besser: "Nur wenige Bürger nutzen das Angebot". Zu guter Letzt: Ziffern sind einfacher als Wörter. Also 5 Autos statt fünf Autos. 

Noch mehr Tipps für Leichte Sprache in der Behörde 

Uhrzeiten und Datumsangaben sind ebenfalls wichtig und müssen von allen Menschen verstanden werden. 18 Uhr ist eine korrekte Angabe, 6 Uhr Abends ist aber leichter. Der 31. März als Stichtag ist dann "Am Ende vom Monat März". Die Telefonnummer Ihrer Verwaltung sollte ebenfalls möglichst leicht verständlich zu finden sein. Die übliche Variante auf vielen Internetseiten sieht ja so aus: 03303/ 223311 . Schreiben Sie lieber: 0 33 03 22 33 11

Auch Sonderzeichen machen die Sprache oft schwer. Der §1 soll schließlich verstanden werden. Also schreiben Sie besser "Paragraf 1" und erklären Sie das Wort gleich: "Ein Paragraf ist ein Teil in einem Gesetz". 

Besonders wichtig aber sind kurze Sätze und der Satzbau: "Für weitere Fragen stehe ich Ihnen gerne schriftlich oder telefonisch zur Verfügung" geht gar nicht. Besser ist: "Für Fragen rufen Sie mich an. Oder schreiben Sie mir." Dazu gehört auch, dass Sie nicht mit Verweisen arbeiten sollten (s. Anhang). Das Verweisen auf andere Stellen im Text ist ebenfalls problematisch. 

Und bitte: Nur weil Sie leicht schreiben, verlieren Sie nicht den Respekt beim Schreiben. Das DU ist auch bei leichter Sprache nicht angebracht. Kinder kann man Duzen, diese Sprache ist aber für Erwachsene Geschrieben. Und zur Ansprache zusätzlich noch dieser Hinweis: Häufig wird heute (gendergerecht) von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesprochen. Das ist auch in der Leichten Sprache gut. Schreiben Sie aber besser von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Also immer zuerst die männliche Form. Das ist einfacher zu lesen. 

Abschließend noch ein Hinweis zu Schriftarten und Schriftgrößen: Die Schrift muss gut lesbar sein, verschnörkelte Schriftarten sehen zwar manchmal gut aus, lassen sich aber schwerer lesen. Auch sollte die Schriftgröße mindestens auf 14 eingestellt sein, besser noch auf 16. Auch viele Ältere Menschen haben damit sonst Probleme. Zwischen den Zeilen sollten Sie einen möglichst großen Abstand lassen. Wenn Sie dann noch jeden neuen Satz in eine neue Zeile schreiben, wird er wirklich zur Leichten Sprache. 

Also: 

Die Sporthalle öffnet um 4 Uhr Nachmittags.

Das Fußballspiel fängt um 6 Uhr Abends an. 

Es geht bis 8 Uhr Abends. 

Hunderte Kommunen verstoßen aktuell gegen geltendes Recht 

Ab Mittwoch, 23. September ist das neue EU-Gesetz in Kraft. Das Gesetz wurde in Deutsches Recht überführt. Es gilt für Internetseiten, Apps und alle elektronischen Verwaltungsabläufe. Wir sprechen hier also insbesondere für die E-Akte. Ganz wichtig: Betroffen sind ALLE elektronischen Inhalte, also vom PDF über die Grafik bis zum Video. Zusätzlich ist zu beachten, dass auf Websites (nicht in mobilen Anwendungen) die wesentlichen Inhalte der Erklärung zur Barrierefreiheit in Deutscher Gebärdensprache (DGS) und in Leichter Sprache zur Verfügung zu stellen sind. Auf der Website und in der App muss die Möglichkeit gegeben werden, Feedback zu geben, um vorhandene Barrieren an die Behörde zu melden. Diese muss innerhalb eines Monats auf das Feedback antworten. Der Feedback-Mechanismus ist zusätzlich zur Erklärung zur Barrierefreiheit in die Internetseite beziehungsweise die App zu integrieren. Während für Webseiten der Stichtag 23. September 2020 gilt, haben Sie bei Apps noch einige Monate länger Zeit, hier ist der Stichtag der 23. Juni 2021. 

Eine Besonderheit gibt es aber noch: In einigen Bundesländern (NRW und Bayern) gilt nicht der Bundes BITV (hier ist das Gesetz geregelt) sondern eine eigene Landessatzung. In der Satzung in NRW etwa heißt es: "Websites und mobile Anwendungen müssen eine Erklärung zur Barrierefreiheit bereit stellen." Hier ist die Anwendung selbst also noch keine Pflicht. 

Das große Problem: Die Mehrheit der Städte und Gemeinden ist nach Stichproben-Recherchen von KOMMUNAL bisher nicht auf die neuen Regeln eingestellt. Teilweise ist die Regelung auch in den Behörden nach wie vor unbekannt. Die 7000 Einwohner-Samtgemeinde Eilsen in Niedersachsen etwa hat nach eigenen Angaben erst vor wenigen Tagen von der neuen Pflicht erfahren. Darüber und über ähnliche Reaktionen aus anderen Gemeinden in der Region Schaumburg berichtet etwa heute die dortige Lokalzeitung "Schaumburger Nachrichten" ausführlich und hat mit den Verwaltungen vor Ort gesprochen. Das Ergebnis: Nur in wenigen Kommunen ist die neue Gesetzeslage bekannt, in den meisten vor Ort noch nicht umgesetzt. 

Das Ergebnis deckt sich mit einer Recherche von KOMMUNAL im August diesen Jahres. Auf der Suche nach guten Beispielen für Webseiten in einfacher Sprache ist es unserem Reporter lange Zeit nicht gelungen, eine kleinere Kommune zu finden. Immerhin hat sich die Situation in den vergangenen Wochen, auch nach unserem ausführlichen Bericht in der jüngsten Printausgabe, deutlich verbessert. Die damals angeklagten Kommunen haben das Thema nun zumindest angegangen, in vielen Gemeinden ist es aber noch nicht umgesetzt. 

Das wird rechtlich in den ersten Tagen sicher wenige Auswirkungen haben. Es gibt aber schon jetzt die Möglichkeit, der Rechtsdurchsetzung über die Rechtsaufsicht, über die Schlichtungsstelle oder über den Klageweg. Die EU-Richtlinie verlangt zudem die Benennung einer Überwachungsstelle. In Deutschland übernimmt diese Aufgaben die Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik. Diese prüft periodisch, ob und inwiefern die Anwendungen den Anforderungen genügen. Die Ergebnisse der Überwachung sind Bestandteil des Berichts, den die Bundesregierung regelmässig an die EU-Kommission erstatten muss.