Autoraser
Immer mehr illegale Autorennen werden in Deutschland angezeigt.
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Polizei und Kommunen

Kampf gegen die Raser und die Poserszene

Illegale Autorennen nehmen zu - nicht nur in den großen Städten. Die Polizei hat den Verfolgungsdruck auf die Raser und die sogenannte Poserszene stark erhöht. Wie sie vorgeht – und was Kommunen tun können.

Köln, Freitagabend, 22 Uhr. Noch zeigt die Ampel „Rot“. Zwei Wagen warten nebeneinander auf der zweispurigen Straße. Die Karosserie eines der beiden Fahrzeuge wippt etwas nach vorne, zehn Zentimeter vielleicht, gleich lässt der Fahrer die Kupplung kommen – und nun: Vollgas!  „Viele Rennen beginnen aus der Situation heraus“, sagt Polizeihauptkommissar Jürgen Berg. Ein Blick, ein nervöses Ruckeln. Bist Du dabei?  Und schon geht der gefährliche Spaß los. Immer häufiger endet ein solches illegales Rennen mit einer Anzeige, denn die Polizei hat den Verfolgungsdruck auf die Raserszene in den vergangenen Jahren deutschlandweit massiv erhöht. Es drohen empfi ndliche Konsequenzen: Seit 2017 stehen illegale Autorennen unter Strafe. Sogar eine Verurteilung wegen Mordes ist möglich.

Raser in einer bestimmten Altersgruppe

Dennoch kommt es immer wieder zu gefährlichen Manövern, vor allem an den Wochenenden zwischen 18 Uhr und 2 Uhr. Unschuldige sterben, Passanten und andere Verkehrsteilnehmer werden schwerverletzt. Auch unter den Rasern sind Tote. Die Tatverdächtigen sind meist jung und männlich - zwischen 17 und 26 Jahre alt. In Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) hat die Polizei kürzlich gegen 1 Uhr nachts ein illegales Autorennen mit drei Beteiligten gestoppt, einer der Fahrer war nur eine Stunde vor der Polizeikontrolle 18 Jahre alt geworden.

Die Raserszene, die sich mit der sogenannten Poserszene vermischt, ist vor allem in größeren Städten aktiv, doch Autofreaks liefern sich auch auf dem Land verbotene Rennen - und da vor allem auf Autobahnen, aber auch Landstraßen werden zur unerlaubten Rennstrecke. Oft kommt es dabei auch zu Einzelrennen. Einer drückt gegen einen virtuellen Fahrer aufs Gas oder stoppt seine eigene Zeit. „In jedem Fall wird versucht, das Schnellste aus seinem Fahrzeug herauszuholen“, sagt der Szenenkenner Jürgen Berg. Wie dramatisch die Situation ist, zeigen diese Zahlen: Allein in Nordrhein-Westfalen registrierte die Polizei laut Innenministerium im vergangenen Jahr 1.515 Strafanzeigen wegen illegaler Autorennen.  In 265 Fällen kam es zu Unfällen, fünf Menschen verloren dabei ihr Leben.

Zahl der illegalen Autorennen verdoppelt

Im Jahr 2019 wurden 766 Rennen erfasst. Die Zahl der Rennen hat sich also fast verdoppelt. „Bei diesen Rennen sehen wir seit Jahren einen Anstieg“, stellt NRW-Innenminister Herbert Reul fest. Allerdings liege das auch an dem erhöhten Kontrolldruck. „Je mehr wir machen, desto mehr finden wir.“  Die Polizei werde aber nicht lockerlassen.

Wenn die aufdrehen, tun wir es auch.“

NRW-Innenminister Herbert Reul

In Köln kümmert sich sogar eine feste Dienststelle um die Raser, aber auch um die sogenannten Poser mit ihren aufgemotzten, oft illegal getunten Fahrzeugen. Sie verabreden sich in Chat-Gruppen und treffen sich dann oft zu Hunderten, um ihre Autos zu präsentieren und die Motoren heulen zu lassen. Nicht selten kommt es danach auch zu verbotenen Rennen. Oft filmen die Jungs dabei und laden die Videos in den sozialen Medien hoch. „Zwischen der Raser- und der Poserszene gibt es Schnittmengen“, sagt Hauptkommissar Berg, der die derzeit elfköpfige Einsatztruppe bei der Kölner Polizei leitet.

Polizei in Köln bündelt Kräfte

Seit 2015 bündelt dort die Polizei ihre Kräfte, um gegen die Szene vorzugehen. „2015 kam es zu drei tödlichen Verkehrsunfällen bei illegalen Straßenrennen“, berichtet der Beamte. „Da war der Handlungsdruck sehr hoch.“ Die Polizei gründete eine BAO - die Abkürzung steht für Besondere Aufbauorganisation. Die BAO wurde zu einer Projektgruppe, seit September 2019 arbeiten die Einsatzkräfte nun in einer festen Struktur.  „Wir sind damit landesweit die Einzigen  mit einer eigenen Dienststelle, andere Städte prüfen inzwischen, ob sie nicht nachziehen“, so Berg.  „Der größte Vorteil ist der feste Personalstamm. Denn wer gegen die Szene ankommen will, braucht technisches Fachwissen und Erfahrung.“

Jürgen Berg Kriminalhauptkommissar Köln
Jürgen Berg, Polizeihauptkommissar in Köln, leitet die Dienststelle gegen Raser.

Für die Poser, die in ihren hochmotorisierten Schlitten mit dröhnendem Motor am liebsten in belebten Stadtteilen vorfahren, gilt: Je tiefer, je breiter, je aufgemotzter, desto besser.  „Oft sitzen in den Autos gerade Menschen, die sich ein solches gar nicht leisten können“, sagt der Experte. Häufig hätten sie türkische und arabische Wurzeln.  „Keiner legt 80.000 Euro auf die Theke, oft wird deshalb im Familienverband die monatliche 1.000-Euro-Leasing-Rate zusammengelegt“, erzählt Berg.  Beim Posen handele es nicht um ein alleiniges Großstadtphänomen. „Doch was nützt einem die Außengastronomie in Gummersbach, wenn er abends immer wieder durch die eine belebte Straße fahren kann und das war´s? Statt im Umland in der Eifel oder im Bergischen zu bleiben, fährt er am Wochenende lieber zu uns nach Köln."   Weitere Schwerpunkte der Szene in NRW sind Dortmund, Düsseldorf und Essen.

Poser machen oft Lärm - was dagegen tun?

Die Poser quälen die Anwohner mit dem Lärm in den Abend- und Nachtstunden, ihre Beschwerden beschäftigen die Stadt- und Gemeindegremien. Oft sind die illegal angebrachten Auspuffanlagen schuld an dem ohrenbetäubenden Krach, aber nicht nur: „Leider Gottes werden immer mehr Fahrzeuge mit hohen Dezibelzahlen zugelassen“, kritisiert Hauptkommissar Berg. Er fordert: „Das Kraftfahrbundesamt sollte hier gemeinsam mit der EU einen Riegel vorschieben.“

Strafen bei manipulierten Fahrzeugen

Wie geht die Polizei gegen die Poserszene vor? „Wir sind stets im Zivilwagen, aber in Uniform unterwegs“, schildert Berg. „Dabei kontrollieren wir auffallende Kraftfahrzeuge, messen die womöglich veränderte Auspufflautstärke und schauen, ob die Reifen freigängig sind.“  Die häufigsten festgestellten Veränderungen: Der Wagen ist tiefer gelegt als erlaubt. Stellen die versierten Einsatzkräfte gravierende Mängel fest, wird das teuer. Das Fahrzeug kann beschlagnahmt werden, in jedem Fall muss es zurückgebaut werden, sonst zieht es die Zulassungsbehörde aus dem Verkehr. „In jedem Fall bekommen Halter und Fahrer eine Anzeige.  Fährt einer nicht freiwillig mit zum Gutachter, drohen ihm neben der TÜV-Gebühr die Abschleppkosten, der teure Rückbau des Autos und möglicherweise noch eine Gebühr fürs Erlöschen der Betriebserlaubnis. Da kommen schnell mal 500 bis 600 Euro zusammen“, erläutert Hauptkommissar Berg.

Gesetz: Illegale Autorennen sind Straftat

Was droht bei den gefährlichen illegalen Autorennen? Früher war ein Rennen nur eine Ordnungswidrigkeit. „Seitdem Autorennen als Straftat eingestuft sind, haben wir eine andere Handhabe“, sagt Berg. Er stellt aber auch fest: „Die Gerichte müssen erst einmal diesen neuen Tatbestand anwenden und inhaltlich ausformulieren. Es gibt noch nicht viele obergerichtliche Urteile, an denen sich die Polizei orientieren kann.“

Auch der Vize-Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP, Michael Mertens, betont:  „Für die Bekämpfung der Raserszene ist der Kontrolldruck entscheidend, doch die Richter müssen auch mitziehen.“  Zu den gestiegenen Raser-Zahlen sagt Mertens: „Die Szene gibt es schon sehr lange, doch endlich wird das Dunkelfeld aufgehellt. Zu ihr zählen nicht nur die Menschen mit Migrationshintergrund, oft ist es auch der Sohn aus wohlhabendem Haus, der mit Papis Auto fahren darf.“ Alle hätten gemeinsam: „Sie sind testosterongesteuert, suchen den Kick und definieren ihre Männlichkeit über dicke auffallende Autos mit möglichst hohen PS.“   

Kudamm-Raser: Harte Strafen

Im Fall der Kudamm-Raser in Berlin fielen die Strafen hart aus: Zwei junge Männer hatten sich im Dezember 2016 ein Rennen geliefert und rasten dabei mit rund 160 km/h über eine Kreuzung mit roter Ampel. Ein Unbeteiligter starb. Einer der beiden Raser war wegen Mordes in Tateinheit mit vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs und fahrlässiger Körperverletzung zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der andere Fahrer erhielt eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren – wegen versuchten Mordes und vorsätzlicher Gefährdung. Erkann aber in Revision gehen.

Oft sind es gerade Fahranfänger, die schlimme Unfälle verursachen. Der Verkehrsgerichtstag fordert daher den Stufenführerschein, wie er beim Motorrad gilt. Die Fahrer dürften dann in den ersten Jahren nur langsamere Autos fahren.Berlin versucht, über eine Bundesratsinitiative eine PS-Grenze für Fahranfänger durchzusetzen.

So gehen Kommunen gegen Raser und Poser vor

Was können nun Kommunen tun? An den zwei Kölner Hotspots hat die Stadt zum Beispiel Verkehrsinseln auf die Straße gebaut, es wurden Tempo-30-Schilder aufgestellt und feste Radaranlagen installiert. In Dortmund hat die Stadt innerhalb von einer Woche Tempo 30 auf dreieinhalb Kilometer ausgewiesen, nachdem sich allein an einem Wochenende 900 Fahrzeug-Lenker getroffen haben.

Radarfalle

Auch Aufklärung ist wichtig: Die Polizei geht in die weiterführenden Schulen in NRW. „Crashkurs“ nennt sich das Format.  Wenn Angehörige von Unfallopfern, Rettungskräfte, Ärzte und Polizisten mit eindringlichen Bildern berichten, herrsche Totenstille, erzählt Berg. Viele gehen danach wortlos aus dem Saal. Die Teilnahme ist freiwillig. Speziell geschulte Beamte stehen danach für Gespräche bereit. Keiner soll mit den Bildern allein bleiben.

Auch der frühere Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma engagiert sich seit Jahren für härtere Strafen und ist mit seiner Frau Schirmherr der Kölner Opferhilfe e.V. Ihr Sohn starb im März 2001  bei einem illegalen Autorennen als unbeteiligter Fußgänger an einer stark frequentierten Kreuzung. Fünf weitere Menschen wurden verletzt. Die Fahrer kamen damals mit zwei Jahren Haft auf Bewährung davon. Nicht nur in Köln oder Berlin setzt die Polizei auf Spezialisten:  Sie verbucht auch in der sächsischen Kreisstadt Zittau seit 2017 Erfolge gegen die Raserszene. Überall in Deutschland arbeitet die Polizei eng mit der jeweiligen Kommune zusammen.

Maßnahmen gegen Raser

  • Verkehrsinseln, bauliche Veränderungen

  • Radarkontrollen

  • Einsatzkontrollen

  • Tempo-30-Zonen

  • Strenge Strafen

  • Ermittlungsgruppen

  • Aufklärung in Schulen

  • Bundesweite Polizeikontrollen am Car-Friday. an dem sich die Szene trifft.

Fotocredits: FOTOS / Rust Polizei Köln, Adobe Stock (2)