Ärztemangel
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Ländlicher Raum

Erfolgsrezepte gegen den Ärztemangel

Viele Kommunen und Landkreise haben Initiativen gegen den Ärztemangel gestartet. Einige sind dabei besonders erfolgreich. Wir haben uns in diesen Regionen umgehört und geben die Erfolgsrezepte weiter.

Als 2015 im bayerischen Leupoldsgrün die Arztpraxis wiedereröffnet wurde, kam sogar Gesundheitsministerin Melanie Huml in das Dorf in Oberfranken. „Zehn, zwölf Jahre lang hatten wir in Leupoldsgrün keinen Arzt mehr“, erinnert sich Bürgermeisterin Annika Popp an die Zeit zuvor. Als die junge Kommunalpolitikerin ins Amt kam, hieß es nur: „Wir haben schon alles probiert.“ Doch die Bürgermeisterin machte sich an die Recherche und fand heraus, dass in der Region von Leupoldsgrün tatsächlich 1,5 Arztsitze der Kassenärztlichen Vereinigung zur Besetzung freigegeben waren. „Also habe ich alle Arztpraxen der Umgebung und im ganzen Landkreis angeschrieben – und tatsächlich eine Reihe von Praxen gefunden, die bereit waren, bei uns eine Filialpraxis aufzumachen.“

Um den Ärztemangel zu stoppen, braucht es Anreize

Am Ende wurde es eine Praxis aus dem Nachbarort, die den Zuschlag erhielt. Um den Ärzten den Neustart in gemeindeeigenen Räumlichkeiten zu erleichtern, beschloss der Gemeinderat, den neuen Praxisbetreibern in den ersten zwei Jahren die Miete zu reduzieren. Zudem konnten sich die Mediziner über eine Prämie des Freistaats Bayern freuen: Denn dort gibt es bereits seit 2012 ein Programm, das interessierte Ärzte motivieren soll, sich im ländlichen Raum niederzulassen. Wer eine Hausarztpraxis oder eine Praxis etwa als Hals-Nasen-Ohrenarzt, Frauenarzt oder Kinderarzt in einer Gemeinde mit bis zu 20.000 Einwohnern eröffnet, kann bis zu 60.000 Euro Förderung erhalten.

Die Filialpraxis bietet Patienten mehr Möglichkeiten

In Leupoldsgrün hat sich dieses Engagement gelohnt. Die Arztpraxis besteht nach fünf Jahren immer noch. „Es hat sich als praktisch erwiesen, dass sich bei uns eine Filiale einer bestehenden Praxis gegründet hat“, resümiert die Bürgermeisterin. Es hilft bei Vertretungen etwa in Ferienzeiten und sorgt dafür, dass Patienten mehr Möglichkeiten haben, ihren Arzt auszuwählen: Ein Mediziner in der Praxis ist eher auf Diabetes spezialisiert, eine Kollegin eher auf Naturheilverfahren. „Und für unseren Ort ist es ein klarer Standortvorteil, dass wir hier eine Arztpraxis haben“, so Annika Popp.

Bundesweit sind rund 2.300 Hausarztsitze unbesetzt

Doch so erfolgreich wie Leupoldsgrün sind längst nicht alle kleinen Gemeinden Deutschlands. Quer durch die Republik gibt es im ländlichen Raum mittlerweile einen Ärztemangel. Altgediente Hausärzte gehen in den Ruhestand, junge Mediziner aber zieht es oftmals in die großen Städte. „Der Arzt ist ein knappes Gut“, sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Roland Stahl. Bundesweit sind derzeit rund 2.300 Hausarztsitze unbesetzt.

„Die meisten davon finden sich im ländlichen Raum oder in Mittelzentren“, so Stahl. Dabei gebe es kein geographisches Gefälle: Die freien Arztsitze finden sich im Sauerland und der Eifel, im bayerischen Wald oder Erzgebirge, in Schleswig-Holstein und in Brandenburg. „Und die Nachfrage nach medizinischen Leistungen wird in Zukunft eher steigen.“ Weswegen die kassenärztliche Vereinigung zahlreiche Fördermöglichkeiten bereit hält, um jungen Ärzten die Niederlassung zu erleichtern. „Wir arbeiten mit Umsatzgarantien und anderen Fördermöglichkeiten“.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wird wichtiger

Doch auch die Kommunen sind aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gefragt. „In der jüngeren Generation ist auch unter den Ärzten die Work-Life-Balance wichtig“, meint Stahl. Die von Fernsehserien vermittelten Bilder, in denen ein Hausarzt freiwillig und gern 70 Stunden pro Woche bei idyllischem Sonnenschein arbeitet und mit dem Landrover über die Dörfer fährt, gibt es so in der Realität von heute nicht mehr. „Auch Ärzte wünschen sich, Kinder und Beruf unter einen Hut bringen zu können.“

Eine Kommune, die auf der Suche nach neuen Medizinern ist, sollte deswegen so vorgehen, wie bei der Ansiedlung etwa eines Industriebetriebs. „Nötig ist es, einen attraktiven Rahmen zu schaffen“, meint Stahl. Wer Praxisräume zur Verfügung stellen kann oder vergünstigten Wohnraum, hat im Standortwettbewerb bei jungen Ärzten ähnlich gute Karten, wie eine Gemeinde, die mit einem sicheren Kindergartenplatz, einer guten Schule oder gar einem Stellenangebot für den Partner der jungen Medizinerin aufwarten kann.

„Von der Erwartung, dass es künftig in jedem Dorf noch einen Arzt geben kann, wird man sich aber trennen müssen“, so der Sprecher.Deswegen gehe es auch um neue Versorgungsformen. Als Beispiel dafür nennt er den Patientenbus: In manchen deutschen Regionen klappert eine rollende Arztpraxis die Dörfer ab, und die Menschen werden dann im Bus versorgt. Meist waren es Modellprojekte: In Sachsen ein „Impfbus“, in Hessen oder Ostfriesland ein Patientenbus.

Ein Stipendienmodell soll dem Ärztemangel entgegenwirken

Und dann gibt es da noch die Option der gezielten Nachwuchsförderung. In Brandenburg beispielsweise wurde vor einiger Zeit auf Initiative kommunaler und christlicher Kliniken die „Medizinische Hochschule Brandenburg - Theodor Fontane“ neu gegründet. In Neuruppin und Brandenburg an der Havel bildet sie angehende Ärzte aus.

Das Konzept dahinter ist ein Stipendienmodell: Bewerber schließen einen Vertrag mit einem Krankenhaus, das dann ein Studiendarlehen an die Bewerber vergibt. Dafür verpflichten sich die Studenten, nach Abschluss ihrer Ausbildung für einige Zeit in der Klinik tätig zu werden. Denn nicht nur die Landarztpraxen, auch die Nachwuchskräfte in den Krankenhäusern sind immer mehr ein rares Gut. Und das, obwohl die Bundesregierung die Bedeutung der Kliniken nicht zuletzt in der Corona-Pandemie erkannt hat und erst kürzlich sogar ein Investitionsprogramm in Höhe von drei Milliarden Euro bereitgestellt hat, damit Krankenhäuser in moderne Notfallkapazitäten und die Digitalisierung investieren können.

Für Studienbeihilfen verpflichten sich die Studenten

Und weil der Nachwuchs rar bleibt, arbeiten manche Kliniken, etwa das Asklepios Klinikum im uckermärkischen Schwedt, sogar mit Hochschulen in Polen zusammen, um junge Ärzte gezielt für den eigenen Bedarf auszubilden. Doch Stipendien müssen nicht zwangsweise nur von Kliniken vergeben werden. Eine ganze Reihe von Landkreisen, etwa der bayerische Landkreis Hof, der sachsen-anhaltinische Kreis Stendal oder auch der Brandenburger Landkreis Elbe-Elster praktizieren ebenfalls ein derartiges Modell.

Dort gibt es seit einem Kreistagsbeschluss im Jahr 2010 eine Studienbeihilfe von monatlich 500 Euro. Sie wird jährlich an bis zu fünf Studentinnen oder Studenten vergeben und maximal vier Jahre lang ausgezahlt. Dafür verpflichten sich die Studenten, nach ihrer absolvierten Facharztausbildung für vier Jahre als Arzt im Landkreis tätig zu sein.

Die Hälfte entschied sich für eine Facharztweiterbildung

Von 31 bislang geförderten Studenten befinden sich derzeit neun noch im Studium, sagt Kreissprecher Thorsten Hoffgaard. Von den 22 fertigen Medizinern sind 11 noch in ihrer Facharztweiterbildung. Vier haben sich nach dem Studium anderweitig entschieden und ihr Stipendium zurückgezahlt. Aber fünf haben bereits ein Arbeitsverhältnis in Elbe-Elster angefangen, eine Ärztin arbeitet teilweise in Elbe-Elster und ein Kandidat hat sich nach Angaben des Landkreises noch nicht endgültig entschieden.

„In den nächsten Jahren werden viele Ärzte ihre Praxis altersbedingt aufgeben“, sagte auch Landrat Christian Heinrich-Jaschinski. Gleichzeitig entschieden sich immer weniger Mediziner für eine Niederlassung im ländlichen Raum. „Deshalb war unsere gemeinsame Entscheidung vor zehn Jahren, eine Studienbeihilfe für werdende Fachärzte ins Leben zu rufen, vorausschauend und richtig.“ Denn wer in seiner Kommune oder seiner Region junge Ärzte begrüßen will, muss sich eben kümmern – gleichgültig, ob es sich um ein Dorf in Oberfranken oder einen Brandenburger Landkreis handelt.