Hol- und Bringzonen sollen Elterntaxis von der Schule fernhalten.
Jens Leven

Elterntaxis: „Gebt den Kindern ihre Schulwege zurück!“

Zugeparkte Gehwege, haltende Pkw, die plötzlich einen U-Turn machen – allmorgendlich kommt es vor deutschen Schulen zum Verkehrschaos. Wieso das Phänomen „Elterntaxi“ weiter zunimmt und wie man ihm erfolgreich begegnet, erklärt Verkehrsplaner Jens Leven.

Jens Leven ist Verkehrsplaner und beschäftigt sich mit seinem Planungsbüro seit 20 Jahren mit Verkehrssicherheit. Als Schwerpunkt hat sich dabei das Thema Verkehrssicherheit für Kinder und Jugendliche herauskristallisiert. Im Interview erklärt er uns, wieso die Probleme mit Elterntaxis immer größer werden, warum Verbote nichts bringen und welche Herangehensweisen tatsächlich helfen können.

Jens Leven im Interview über Elterntaxis

KOMMUNAL: Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Phänomen Elterntaxis. Wie präsent ist es an den Schulen wirklich?

Jens Leven: Elterntaxis gibt es schon lange. Doch sie haben in den letzten Jahren rapide zugenommen. Ich habe knapp 15.000 Eltern von Grundschulkindern in ganz Deutschland befragt und komme zu dem Schluss: Derzeit wird bei schlechtem Wetter jedes dritte Kind von den Eltern zur Schule gefahren. Das bedeutet vor der ersten Stunde kommen in einem Zeitfenster von etwa 20 Minuten ein Drittel der Eltern gleichzeitig mit dem Auto vor der Schule an. Das sorgt für ein Verkehrschaos, das auch für die aussteigenden Schüler gefährlich ist.

Wie kommt es, dass so viele Eltern ihre Kinder im Auto zur Schule bringen?

Die Hauptgründe sind Faulheit und Sorge um die Kinder. Die sogenannten Elterntaxis lassen sich grob in drei Kategorien einordnen: Die erste Gruppe sind pragmatische Eltern, die ihre Kinder schnell auf dem Weg zur Arbeit, zum Sport oder anderen Aktivitäten bei der Schule abliefern. Für sie ist es so am einfachsten. Die zweite Gruppe macht sich Sorgen, dass ihre Kinder auf dem Schulweg in einen Verkehrsunfall verwickelt werden könnten. Die dritte ist primär besorgt, ihre Kinder könnten auf dem Weg belästigt werden. Die Verteilungen sind in jeder Kommune anders. Deshalb gibt es auch keine Lösung, die für jede Schule funktioniert.

Verkehrschaos durch Elterntaxis
Verkehrschaos vor Schulbeginn - Mittlerweile Alltag vor deutschen Schulen.

Sie helfen Schulen und Kommunen Elterntaxis zu vermeiden. Wie machen Sie das genau?

Am Wichtigsten ist: Wir stellen uns nicht mit erhobenem Zeigefinger vor die Eltern. Das wurde schon häufig versucht und hat nirgendwo nachhaltig funktioniert. Wir nehmen die Sorgen der Eltern ernst und versuchen sie auszuräumen.

Wie schaffen Sie das?

Wir haben dazu ein Drei-Säulen-Modell entwickelt. Die erste Säule ist, sichere Schulwege zu schaffen. Wir befragen die Eltern, wo sie auf dem Schulweg ihrer Kinder Gefahren sehen. Dabei ergeben sich pro Fall im Durchschnitt fünf bis 30 Problemhäufungsräume. Diese bewerten wir nach drei Kriterien: Was sagt die Straßenverkehrsordnung? Was sagen technische Regelwerke? Und was können Kinder wirklich? Der dritte Punkt ist besonders wichtig, weil er meist ignoriert wird, aber am stärksten dazu beiträgt, ob Eltern ihre Kinder zu Fuß gehen lassen oder nicht. Ich frage mich immer: Würde ich mein Kind über diesen Weg schicken? Die zweite Säule sind sogenannte „Kiss-and-Go-Zonen“. Einige Schüler haben lange Schulwege. Unsere Umfragen zeigen, dass Schulwege von über 1,2 Kilometern nicht zu Fuß gegangen werden. Deshalb sollte die Kommune etwa 250 Meter vor der Schule Parkplätze als Haltepunkte für die Eltern einrichten. Auch diese Wege sollten natürlich nach den Kriterien aus der ersten Säule bewertet werden. Aus unserer Erfahrung nutzen Eltern diese Zonen allerdings nicht aus eigenem Antrieb. Und da kommt die dritte Säule ins Spiel: Schulen sollten ein Belohnungssystem einführen. Hier können alle Schüler, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad von zu Hause oder einer „Kiss-and-Go-Zone“ zur Schule gekommen sind, Punkte sammeln. Alle Schüler einer Klasse sammeln gemeinsam Punkte und wenn bestimmte Punktestände erreicht sind, gibt es Belohnungen, wie eine längere Pause oder Hausaufgabenfrei. Wenn die Schüler bei ihren Eltern selbst verlangen, zu Fuß gehen zu dürfen, hat das viel mehr Gewicht, als wenn sie von Lehrern gebeten werden oder Ordnungsstrafen von der Polizei bekommen.

Hol- und Bringzonen gegen Elterntaxis
Hol- und Bringzonen und Sternchen fürs eigenständige zur Schule kommen, sollen Eltern und Schülern Anreize geben, auf das Elterntaxi zu verzichten.

Warum kümmern sich Kommunen nicht selbst darum, dass die Schulwege sicher sind?

Das tun sie ja nach ihrem Ermessen. Wenn Bürger eine unsichere Verkehrssituation bemängeln, wird überprüft, ob es an der Stelle zu Unfallhäufungen kommt und ob die Stelle allen definierten Ansprüchen genügt. Wenn es keine Auffälligkeiten gibt, bedeutet das, es gibt auch keinen Handlungsbedarf. Aber dass Planer zu dem Schluss kommen, dass die Verkehrssituation sicher ist, heißt noch lange nicht, dass Eltern die Situation für ihre Kinder für sicher halten. Und damit haben sie teils auch recht. Die Fähigkeiten kleiner Kinder werden bei der Verkehrsplanung oft nicht genug berücksichtigt.

Wie sehen Ihre Praxiserfahrungen mit dem Drei-Säulen-Modell bisher aus?

Das Modell klingt kompliziert, aber wenn man die Situation einmal durchschaut hat, ist es ganz einfach. Man muss nur bedenken: Einer allein kann es nicht schaffen. Nicht die Schule, nicht die Polizei und auch nicht die Verkehrsplaner. Alle müssen an dem Ziel zusammenarbeiten und das heißt: Gebt den Kindern ihre Schulwege zurück!

Warum ist das so wichtig?

Kinder brauchen Wegstrecken, bei denen sie auf sich selbst gestellt sind, um ihr räumliches Denken zu schulen, ein Gefühl für Orientierung und Bewegung zu bekommen. Kinder verbringen immer mehr Zeit drinnen. Da wäre es gut, wenn sie wenigstens beim Schulweg einmal Bewegung an der frischen Luft haben. Außerdem entwickeln sie ein eigenes Bewusstsein für gefährliche Situationen und wie sie mit ihnen umgehen müssen. Oder lernen andere Kinder kennen und verlieben sich. Die ganze Erfahrung des Schulwegs, die zum Kind sein gehört, sollte nicht verloren gehen.​

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