Bürgermeisterin von Stockelsdorf vor dem Rathaus
In Jamaika geboren, in Schleswig-Holstein zu Hause - unser Bürgermeisterportrait über die erste Frau der Gemeinde Stockelsdorf
© Benjamin Lassiwe

Staatsangehörigkeit Jamaika

Bürgermeisterportrait: Über Jamaika ins Rathaus

Sie ist in Jamaika geboren und heute Bürgermeisterin einer kleinen Gemeinde in Schleswig-Holstein. Unsere Bürgermeisterin des Monats wohnt in Stockelsdorf bei Lübeck , hat auch heute noch einen jamaikanischen Pass und sieht sich selbst als Hausmeisterin ihrer Gemeinde.

Unser Bürgermeisterportrait führt uns in diesem Monat nach Ostholstein. Von Lübeck nach Stockelsdorf sind es fünf Minuten zu Fuß. Die Kommune in Schleswig-Holstein grenzt direkt an die altehrwürdige „Königin der Hanse“ an. Viele ihrer 18.000 Einwohner arbeiten in Lübeck oder pendeln nach Hamburg. „Wir sind hier 20 Minuten von der Küste entfernt, 35 Minuten von Hamburg und mitten in der Hügellandschaft von Ostholstein“, schwärmt Julia Samtleben. Die 41jährige ist seit 2018 Bürgermeisterin der Gemeinde, die aus zehn Dörfern besteht und von großen Einfamilienhaussiedlungen geprägt wird. „Wir haben kein Theater, wir haben kein Kino, aber man hat alles, was man zum Leben braucht.“

Im Bürgermeisterportrait unterstreicht sie: "Ohne meine Nachbarstädte geht es nicht" 

Natürlich muss eine Bürgermeisterin von Stockelsdorf immer auch mit der größeren Nachbarin zusammenarbeiten. „Bei einer Gewerbeansiedlung ist das immer hilfreich, sich mit Lübeck abzusprechen“, sagt Samtleben. Auch bei der Ansiedlung größerer Einzelhandelsflächen braucht es ein Gutachten, das dann auch die Interessen der größeren Nachbarstadt berücksichtigt. Doch die Vorteile, die Stockelsdorf aus der Nachbarschaft zu Lübeck zieht, sind größer, als die Nachteile: „Wir haben hier zum Beispiel auch diese Elektroroller, die Sie aus anderen Städten kennen“, sagt Samtleben. Viele Menschen würden die Roller hassen, weil sie auf dem Fußweg herumstehen und Stolperfallen sind. Doch die Stockelsdorfer Bürgermeisterin hat sich explizit dafür eingesetzt, dass sie auch in ihrem Ort anzumieten sind. „Auf meine Initiative hin ist das Einzugsgebiet ausgeweitet worden“, so Samtleben. „Denn wenn in Lübeck am Bahnhof der Bus weggefahren ist, kann man mal eben für 3,50 Euro mit dem Roller herüberfahren.“

Auf dem Land lebt es sich besser....auch und vor allem für Kinder und Eltern

Besser als in Lübeck ist aus Sicht der Stockelsdorfer Bürgermeisterin die Kinderbetreuungsquote. Sie beträgt in ihrer Gemeinde bei den unter-3-Jährigen fast 75 Prozent. Doch die Situation in den Kindertagesstätten ist auch typisch für etwas, was die Bürgermeisterin auf vielen Feldern quält: Den Umgang des Landes Schleswig-Holstein mit seinen Kommunen. „Wir haben im Land gerade eine sehr unangenehme Kita-Reform“, schimpft Samtleben. Sie schreibt unter anderem Mindestgrößen für die Kita-Gruppenräume fest. „Wir rechnen damit, dass wir deswegen Gruppen verkleinern müssen. Selbst in einer Kita, die erst vor drei oder vier Jahren eröffnet wurde, sind jetzt plötzlich die Gruppenräume zu klein.“ Hier hätte es einen Bestandsschutz geben müssen, meint die Bürgermeisterin.

Dieses Thema sprechen fast alle unisono im Bürgermeisterportrait an: Die unsinnigen Fördertöpfe...

Und dann nennt die Stockelsdorfer Bürgermeisterin ein Problem, das auch ihre Amtskollegen in Hessen, Mecklenburg-Vorpommern oder Bayern kennen: Die immer komplizierteren Förderanträge, die die Kommunen im Land zunehmend überfordern. „Einen Großteil der Fördermittel verdienen mittlerweile die Berater. Ohne die bekommt man manche Sachen einfach nicht mehr hin.“ Im „Sportland Schleswig-Holstein“ gebe es etwa keine Fördermittel für Sportanlagen mehr, wenn eine Kommune kein „Sportentwicklungskonzept“ vorlegt. Für die Förderung von Dorfgemeinschaftshäusern braucht es Dorfentwicklungskonzepte. „Einfache Förderanträge können wir als Kommune auch selber stellen, aber für solche Konzepte brauche ich externe Berater“, sagt Samtleben. „Insgesamt hat man da relativ viel Aufwand – und weiß nicht, was am Ende eigentlich dabei herauskommt: Denn manche Programme sind mittlerweile so stark überzeichnet, dass man gar nicht weiß, ob man überhaupt etwas bekommt.“ Das Fazit der Bürgermeisterin: „Ich glaube, es wäre deutlich effektiver, wenn man die Kommunen besser ausstatten würde.“

In Jamaika geboren, einen Jamaikanischen Pass und Bürgermeisterin in Schleswig-Holstein: das passt gut zusammen! 

Selbst ist sie eher ungeplant in die Politik gekommen. „Ich bin von der SPD angesprochen worden“, sagt Samtleben. Sie sei vorher zwar Parteimitglied gewesen, habe sich selbst aber nie politisch engagiert: Das Jurastudium und die spätere Berufstätigkeit hätten dafür keine Zeit gelassen, sagt die Bürgermeisterin, die als Tochter von Entwicklungshelfern auf Jamaika geboren wurde und bis heute auch Staatsbürgerin von Jamaika ist. „Ich habe bis heute auch einen jamaikanischen Pass, weil dort das Geburtsrecht gilt und man nie weiß, wofür man das mal brauchen kann – mehr Beziehungen zu der Insel habe ich aber eigentlich nicht“, sagt Samtleben. Neben ihrem Amt hält sich die Juristin etwa durch Kickboxen und Westernreiten fit, auch beim Triathlon ist die Bürgermeisterin aktiv. Und weil gerade in der Pandemie viele Veranstaltungen und Präsenztermine durch Videokonferenzen ersetzt wurden, hat sich Samtleben im Büro ein Laufband installieren lassen. „Dann kann ich gehen, und mich etwas bewegen, während ich in einem Videomeeting bin.“

Was aus Samtlebens Sicht eine gute Bürgermeisterin ausmacht? „Man muss allumfassend denken können. Man darf keine Angst haben, man muss gut organisieren und koordinieren können, und man muss auf Leute zugehen können.“ Ein Bürgermeisteramt ohne Empathie würde nicht funktionieren, sagt Julia Samtleben. „Man ist letztlich die Hausmeisterin der Stadt, die sich am Ende irgendwie um alles kümmern muss.“