Mann mit rotem Pullover kratzt sich verwirrt am Kopf.
Manchmal schafft Amtsdeutsch mehr Verwirrung als Klarheit...
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Glosse

Sprechen Sie Amtsdeutsch?

Es ist ein Dilemma: Kommunen wollen durch kunstvoll gedrechselte Sprache Mißverständnisse vermeiden und schaffen so erstrecht welche. Ein paar nicht ganz bierernst gemeinte Überlegungen zum Beamtendeutsch.

„Schreibe nicht Baum, wenn du weißt, dass es eine Tanne ist“, riet man mir als angehende Journalistin. Der Ratschlag hilft mir bis heute dabei, mich genau auszudrücken. Damit man gut verstehen kann, was ich sagen will. Denn dafür mache ich das ja: Ich schreibe etwas auf, damit es andere verstehen können. Und nicht, damit sie Bahnhof verstehen und sich ratlos am Kopf kratzen.

Das ist leicht gesagt, aber nicht immer so einfach umzusetzen. Auch für Kommunen nicht. Die müssen sich absolut unmissverständlich und rechtssicher ausdrücken. Ich habe davor Respekt, denn es ist keine leichte Aufgabe, sich auf das unterschiedliche Sprachempfinden einer Vielzahl von potenziellen Leserinnen und Lesern einer amtlichen Botschaft einzustellen.

Amtsdeutsch - wenn der Amtsschimmel durchgeht

Anstatt aber Tanne statt Baum zu schreiben - unsere schöne deutsche Sprache also so präzise wie möglich zu benutzen – tut man in vielen Amtsstuben noch immer das Gegenteil. Man setzt auf die Geheimsprache „Beamtendeutsch“.

Wie sehr manchen kommunalen Wortschöpfern beim Formulieren der Amtsschimmel durchgehen kann, hat jüngst die Wochenzeitung „Staatsanzeiger“ aus Baden-Württemberg in einem Mini-Lexikon zusammengetragen. „Sprechen Sie öffentlicher Dienst?“ fragen die Verfasser ironisch und lassen die geneigte Leserschaft in einem kleinen Test ausprobieren, ob sie bei Kommunenkauderwelsch den Durchblick hat.

Öffentlicher Dienst, aber geheime Sprache

Wie ist es mit Ihnen? Schreiben Sie ohne rot zu werden „im Forstwesen zuständiger Waldbeamter mit Schussberechtigung“ anstatt schlicht „Jäger“? Sagen Sie „Mobilfunkgeräte-Rufsignalisierungskennzifferfolge“, wenn Sie Handynummer meinen? Bezeichnen einen Fluss als „trübwasserführende Geländefurche“? Oder betrauern eine „aus versorgungsrechtlicher Sicht stärkste Form der Dienstunfähigkeit“ statt eines Todes?

Ja, dann sprechen Sie öffentlicher Dienst. Sehr gut sogar. Der Staatsanzeiger lobt Kandidaten, die ihr Fachsprachen-Quiz mit Bravour bestehen, augenzwinkernd: „In der Verwaltung sind Sie zuhause und auch vor komplexen Begriffen schrecken Sie nicht zurück. Weiter so!“

Fachsprache mit Risiken und Nebenwirkungen

Weiter so? Weiter „Biosensor“ statt Hund sagen? Einen Zaun als „nicht lebende Einfriedung“ bezeichnen? Einen Diebstahl als „unrechtmäßige Besitzumstellung“ betiteln?

Allerhöchstens in Fachkreisen, liebe Kommunen! Denn sowas hat Risiken und Nebenwirkungen. Es nutzt niemandem etwas, Sachverhalte so gestelzt zu beschreiben, dass sie am Ende da draußen niemand mehr versteht. Mit bürokratischen Wortmonstern legt man erst die Basis für Missverständnisse, die man durch sie ja eigentlich vermeiden wollte.

Locker machen, liebe Kommunen

„Wer das hier liest, ist doof!“, krakeln Kinder gerne mal auf Tafeln oder Wände. Davon muss man bei einem Behördenschreiben in den meisten Fällen nicht ausgehen.

Also, bitte locker machen und etwas mehr Vertrauen in die Auffassungsgabe von Bürgerinnen und Bürgern entwickeln! Die können nämlich sehr wohl etwas mit Begriffen wie Hund, Zaun oder Diebstahl anfangen und sollten deshalb nicht in einer gedrechselten Geheimsprache angesprochen werden.

Tanne statt Baum! Brieftaube statt „Selbstreproduzierende Kleinflugkörper auf biologischer Basis mit festprogrammierter automatischer Rückkehr aus allen beliebigen Richtungen und Distanzen“! Warum mit einem verwirrenden Satz rätselhaft umschreiben, was mit einem genauen Wort bestens ausgedrückt wäre? Das Leben ist so schon schwer genug.