Ein Jahr nach der Flutkatastrophe im Ahrtal - wie sieht es in den Kommunalverwaltungen heute aus?
Ein Jahr nach der Flutkatastrophe im Ahrtal - wie sieht es in den Kommunalverwaltungen heute aus?
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Wiederaufbau

Das Tal der Vergessenen? Ein Jahr nach der Flut im Ahrtal

Vor knapp einem Jahr richtete die Flutkatastrophe an der Ahr verheerende Zerstörungen in den Gemeinden an. Was bedeutet es für eine kleine Kommunalverwaltung, ohne Rathaus, ohne Infrastruktur und mit einer teilweise traumatisierten Belegschaft, die Ordnung wiederherzustellen? Ein Blick in die Verbandsgemeinde Altenahr.

Bürgermeister zu sein im Ahrtal - früher ein Traumjob, seit dem vergangenen Jahr eine Herausforderung der besonderen Art: Der freundliche Georg Knieps, 74, hatte in den vergangenen Monaten den härtesten Jobs in einer deutschen Kommunalverwaltung. Knieps war bis Ende Juni Interimsbürgermeister der Verbandsgemeinde Altenahr in Rheinland-Pfalz. Die bisherige Bürgermeisterin Cornelia Weigand wurde im Januar als erste Frau an die Spitze des Kreises Ahrweiler gewählt. Rentner Knieps, Erster Beigeordneter und seit 40 Jahren in vielen Rollen Kommunalpolitiker an der Ahr, führte die Geschäfte, bis Weigands Nachfolger feststand - ein halbes Jahr lang. Es gab mehr als genug zu tun.

Zu normalen Zeiten ist seine Verbandsgemeinde eine beschauliche Wein- und Tourismusgegend an der Ahr, 12 Ortsgemeinden, 11.000 Einwohner. Doch am 14. und 15. Juli 2021 tobte nach extremen Regenfällen eine Flutwelle von bis zu 10 Metern Höhe durch die Orte des Ahrtals - angefüllt mit Autos, Baumstämmen, lecken Öltanks, zischenden Gasflaschen und sogar ganzen Häusern. Sie kostete 134 Menschen das Leben, zermalmte alte Ortskerne, zerschmetterte historische Brücken, machte Campingplätze dem Erdboden gleich, kappte die Strom- und Gasversorgung, zerstörte Abwasseranlagen, Straßen, Schienen, Schulen, Sportanlagen und Wohnhäuser.

Rathaus im Ahrtal - bis heute unbenutzbar 

Auch das Rathaus der Verbandsgemeinde in Altenahr ist bis heute unbenutzbar, die Technik und das Archiv sind zerstört. In einem Hotel auf einer nahen Berghöhe richtete ein achtköpfiges Kernteam der Verwaltung eine improvisierte Krisenzentrale ein, alle, die es aus ihren Orten dorthin schafften, kamen nach und nach dazu. Sie arbeiteten an privaten Laptops und Handys. Von hier aus gab die damalige Bürgermeisterin Cornelia Weigand ein viel beachtetes Live-Interview in den Tagesthemen, in dem sie die nüchtern die apokalyptische Lage schilderte und so zu einem medialen „Gesicht der Katastrophe“ wurde. „Das Herz der Mittelahr ist faktisch rausgerissen, auch die komplette Infrastruktur“, sagte Weigand damals. „Viele von unseren Mitarbeitenden haben alles verloren. Haus verloren, Existenz verloren und nichtsdestotrotz versuchen wir unter schwierigsten Bedingungen, wenigstens ein bisschen zu arbeiten und zu unterstützen.“

Weigands Team zog bald in ein nahes Ausflugshotel an einer Sommerrodelbahn um, räumte Betten und Nachtische aus den Hotelzimmern, stellte stattdessen Büromöbel hinein, verlegte Glasfaserkabel und versuchte, in einer ungewöhnlichen Arbeitsumgebung unter Stuckdecken mit Kronleuchtern, vor großen Spiegeln und gemusterten Tapeten, die Krise in den Griff zu bekommen. „Wir hatten oft Zwölf-Stunden-Tage, das war die Regel“, erinnert sich eine Mitarbeiterin. „Irgendwie hat man da noch gedacht: Wenn wir immer weitermachen, wird es irgendwann übersichtlicher.“

„Die Arbeit für die Ortsbürgermeister ist ein Kraftakt, den man sich nicht vorstellen kann“.

Georg Knieps, bis Juni Interimsbürgermeister in Altenahr

Georg Knieps
Georg Knieps

Solidarität der Kommunalfamilie mit dem Ahrtal 

Um zumindest einen Teil der gewohnten Services anbieten zu können, setzte die Verwaltung monatelang ein „Einwohnermeldeamt auf vier Rädern“, ein. Zwei Mitarbeiter fuhren mit einem Bus durch die Dörfer.  Hier konnte man Personalausweise, Reisepässe und Meldebescheinigungen erhalten – aber oft kamen die geschockten Bürger auch nur, um sich über das Erlebte auszusprechen.  Einzig per Bus und in enger Zusammenarbeit mit den Verbandsgemeinden Grafschaft und Brohltal war es auch möglich, eine ordnungsgemäße Bundestagswahl durchzuführen. Das Land organisierte Busse und Personal für diese „mobilen Wahllokale“ und ermöglichte vor der Wahl 80 Ortstermine, damit die Bürger ihre Stimme abgeben konnten.

Die Solidarität der Kommunalfamilie war und ist für die Bewältigung der Aufgaben essenziell notwendig, betont Interimschef Georg Knieps. So verdanke man es der Nachbargemeinde Grafschaft, dass man den Schulbetrieb nach den Sommerferien sofort wieder aufnehmen konnte – obwohl die eigenen Schulhäuser beschädigt waren. Die Grafschafter stellten dafür Container in ihren Orten bereit. Kleinere Kinder aus der Verbandsgemeinde nahm die Kita der Stadt Adenau auf, die gut 20 Kilometer von Altenahr entfernt liegt.

Auch mit den Beauftragten der Landesregierung ist Knieps ständig im Gespräch und gibt die Probleme von der Basis weiter. So sprach man zum Beispiel darüber, dass die Verbandsgemeinde wegen der drohenden hohen Kosten für Vorfinanzierungen andere Prozesse als bisher gewohnt braucht, um die Mittel beim Land abzurufen.

Wie es heute im Ahrtal aussieht 

Die chaotischen ersten Monate haben die Verwaltung viel Kraft gekostet. Inzwischen läuft vieles geordneter ab, aber die Herausforderungen bleiben enorm: Insgesamt 1,4 Milliarden Euro werden allein die Verbandsgemeinde Altenahr und ihr Abwasserwerk Mittelahr brauchen, um ihre kommunale Infrastruktur wieder herzustellen. Das Geld kommt als komplette Förderung aus einem 30-Milliarden-Aufbauhilfefonds des Bundes, aus dem Rheinland-Pfalz rund die Hälfte entnehmen kann. Einen Eigenanteil müssen die betroffenen Kommunen nicht tragen.

Geld ist also da. Aber federführend für die Durchführung der nötigen 667 Maßnahmen in der Verbandsgemeinde Altenahr ist eben eine Verwaltung mit 37 Vollzeitstellen. Mehr als 40 zusätzliche Stellen wurden geschaffen, doch wie überall fehlen Bewerber. Nur wenige Beschäftigte habe man bisher neu einstellen können. Die Verwaltung vertraut nun auf die Zusammenarbeit mit zwei renommierten externen Ingenieurbüros und wird einen Projektsteuerer einsetzen.

Zu wahren Helden der Flut sind die Ortsbürgermeister der Ahrgemeinden avanciert. Ihr Ehrenamt ist zu einem fordernden Fulltimejob geworden, nicht wenige sind von ihren eigentlichen Jobs freigestellt. „Die Arbeit für die Ortsbürgermeister ist ein Kraftakt, den man sich nicht vorstellen kann“, sagt Georg Knieps voller Respekt. Anstatt ihre Heimat „nur“ zu verwalten, müssen sie sie in großen Teilen von Grund auf neu aufbauen und jonglieren dafür mit gänzlich ungewohnten Summen.

Im 560-Seelen-Weindorf Rech beispielsweise, dessen Jahreshaushalt sonst um die 100.000 Euro liegt, schob Dominik Gieler als damaliger Ortsbürgermeister 74 Baumaßnahmen mit an, die insgesamt 42 Millionen kosten werden. Gieler ist es gewohnt, schnelle Entscheidungen zu treffen. Im Chaos der ersten Wochen profilierte sich der Polizeibeamte als Katastrophenmanager mit Mut und Übersicht. So ließ er kurzerhand einen öffentlichen Feldweg teeren, der ausschließlich über Privatgrundstücke führt. Dadurch bekam ein wegen der zerstörten historischen Ahrbrücke abgeschnittener Ortsteil von Rech schnell einen Versorgungsweg zur Außenwelt. Zu langsam ging es ihm und den Amtskollegen der Nachbarorte auch mit der Entscheidung über die künftige Wärmeversorgung der Region. „Rech, Mayschoss und Dernau haben eine Anstalt öffentlichen Rechts gegründet, um ein Nahwärmenetz zu installieren“, berichtet Gieler. Ein Projektteam entwickelt jetzt die Nahwärmesysteme für die beteiligten Dörfer.

Hemmschuh bleibt die umheimlich große Bürokratie 

Angesichts der eigenen Entscheidungsfreude verläuft dem 36-Jährigen im Wiederaufbau vieles zu bürokratisch. Seit Juni ist er neuer Bürgermeister der Verbandsgemeinde Altenahr; er hatte sich als einziger Kandidat für die Wahl im Mai aufstellen lassen. Kein anderer wollte den Job – warum also er? „Ich habe viel Erfahrung gesammelt und die Arbeit macht mir sehr viel Spaß“, sagt Gieler. Kommunalprofi Georg Knieps konnte somit beruhigt in den Ruhestand gehen.